Rolands Tod: Märtyrer par excellence

Das ‚Rolandslied‘ des Pfaffen Konrad (um 1170) ist die geschlossenste mittelhochdeutsche Darstellung der Kreuzzugsideologie im 12. Jahrhundert, dessen historischer Kern die Vernichtung einer Nachhut des Heers Karls des Großen beim Kriegszug gegen das islamische Spanien 778 ist. Roland, der in der Erzählung der Neffe Karls des Großen ist, bleibt durch eine List des Heidenkönigs Marsilie und des Verräters Genelun mit seinen Paladinen in Spanien, nachdem Karl die vermeintlich konvertierten Heiden verlassen hat. Bei Runzeval (Ronceval) wird Rolands gesamtes Heer von den zahlenmäßig weit überlegenen Heiden aufgerieben.

Um die Mentalität der Kreuzzüge zur verstehen, sollte man den Begriff militia dei kennen. Man unterschied zwischen militia dei / militia saecularis: Geistlicher und weltlicher Ritterschaft (vgl. Bumke S. 399ff.). Die geistlichen Ritter kämpfen für Gott und für das Reich Karls. So sind die Kämpfer im ‚Rolandslied‘ auch nicht an weltlichen Gütern interessiert und lassen die Schätze der eroberten Städte liegen.

Das Martyrium, das Sterben für Gott, versprach ewiges Leben.

„Seit nämlich der auferstandene Christus über den Tod triumphiert hat, ist der Tod in dieser Welt der wirkliche Tod, und der physische Tod bedeutet Zugang zum ewigen Leben. Deshalb ist der Christ verpflichtet, sich freudig den Tod zu wünschen, als eine Art Wiedergeburt.“. (Aries, S. 23 s.u.)

Wie genau stirbt Roland? Roland hat Zeit, seinen Tod vorzubereiten. Schwerverwundet sucht Roland die Leichen der anderen Paladine zusammen, klagt um seine toten Gefährten Olivier und Turpin. Er setzt sich unter einem Baum zwischen vier Marmorsteinen. Ein blutverschmierter Heide hat sich unter den Toten versteckt und versucht den todwunden Roland zu schlagen und ihm das Horn Olifant zu stehlen. Roland schlägt ihn mit dem Horn Olifant (→ Elefant → Elfenbeinhorn), das zerbricht. Hier eine Illustration aus dem  Codex Palatinus Germanicus 112, dessen Digitalisat übrigens online vollständig verfügbar ist.

Roland versucht danach, sein unzerstörbares Schwert Durendart zu zerstören, damit es den Heiden nicht in die Hände fällt. Die beiden Utensilien, das Schwert und das Kampfhorn, sind sicher als „Unterpfand des christlichen Sieges“ zu sehen (Bertemes, S.  117). Das Schwert wurde von einem Engel an Karl gegeben; darin befinden sich Reliquien (wahrscheinlich im Griff). Roland bittet Gott um Vergebung für seine Eroberungen im Dienste Karls und des Reiches. Er gibt seinen Auftrag und sein Leben wieder zurück zu Gott und an Karl (vgl. V. 6880ff).

 

   Roulant uiel in crucestal,
er sprach: „herre, nu waistu uil wal
daz dich min herce mainet:
dine tugent hastu an mír erzaiget.
an minem ende,
6900herre, dinen boten ruche mir zesenden!
nu gnade miner armin sele,
daz ir dehain boser gaist níne werre.
ich mane dich umbe minen herren
(gestatige in an dem rechtin,
6905uerdruche sine wider uechten,
daz sine uiante alle geligen,
unt er an in gesige
in dines namin mínne!)
unt umbe di suzen Karlinge,
6910unt ander sine untertane
di beuilhe ich zu dinen gnaden.
alle di in mit truwen mainen,
lebentige oder uerschaiden,
bestatige si in den Abrahames barn!“
6915er leite sich an sinen zesewin arm,
daz houbet er nider naicte,
di hende er uf spraite:
dem alwaltigen herre[n]
dem beualch er sine sele.
6920mit sent Michahele,
sente Gabriele,
sent Raphahele
frout er sich imer mere.

Do Roulant uon der werlt verschît,
6925uon himil wart ain michel liecht.
sa nach der wile
chom ain michel ertpibe,
doner unt himilzaichen
in den zwain richen,
6930ze Karlingen unt ze Yspania.
di winte huben sich da:
zi zeualten di urmaren stalboume,
daz liut ernerte sich chume.
si sahen uil diche
6935di uorchlichen himil bliche,
der liechte sunne derrelasc.
den haiden gebrast:
diu scheph in uersunchen,
in dem wazer si ertruncken.
6940der uil liechte tac
wart uinster sam diu nacht.
di turne zeuielen,
diu scone palas zegiengen.
di sternen offenten sich,
6945daz weter wart mislich:
si wolten alle wane
daz di wile ware
daz diu werlt uerenden solte,
unt got sin gerichte haben wolte.

Zitiert aus der Bibliotheca Augustana

Ein Engel nimmt Rolands rechten Handschuh entgegen. Der Handschuh ist im Mittelalter ein Symbol für einen Auftrag und ein Botenverhältnis: Der Bote bekommt immer den rechten Handschuh des Auftraggebers. Roland wirft sich in Kreuzstellung zu Boden und betet, dreht sich auf die rechte Seite und stirbt. Er kommt in den Himmel und ist bei den Erzengeln Michael, Gabriel und Raphael. Daraufhin geschehen Wunderzeichen: Blitz, Erdbeben, Himmelzeichen, Sonnenfinsternis, Stürme, Unwetter, Paläste und Türme stürzen ein, usw. (vgl. V. 6925f.) Acht Wunderzeichen sind eine christlich-literarische Tradition und treten z. B. beim Tod Jesu ein.

45 Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land.

46 Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

47 Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Er ruft nach Elija.

48 Sogleich lief einer von ihnen hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken.

49 Die anderen aber sagten: Lass doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft.

50 Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er den Geist aus.

51 Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich.

52 Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt.

53 Nach der Auferstehung Jesu verließen sie ihre Gräber, kamen in die Heilige Stadt und erschienen vielen.

54 Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!

Matthäus 27, 45-54

Auch bei Vergil verhält es sich ähnlich, nach Cäsars Tod bricht ein Vulkan aus, es gibt ein Erdbeben etc. Literarische Vorbilder für Rolands Tod sind also die Bibel und antikes Erzählen.  Es tritt kein plötzlicher Tod ein (mors repentina (Aries S. 19)), der im Mittelalter die schlimmste Todesart darstellt, da man nicht die Beichte abgelegt hat etc.,  sondern Roland hat Zeit zur Vorbereitung. Obwohl er stark verwundet ist, kann er seine weltlichen Dinge noch regeln (Trauer um Gefährten, Gebet und Beichte, Zerstörung Olifants und Durendarts, Abgabe des Handschuhs, Haltung: Kreuzstellung am Boden, Drehen auf die rechte Seite…).

Danach wird die Trauer Karls um Roland beschrieben und die Heiden bekommen seine Rache zu spüren. Ein Engel erscheint Karl und teilt ihm mit, dass alle Gefallenen jetzt Söhne des obersten Herren sind, also im Himmel sind, und dass Karl unter seinem Schutz steht, und seine Feinde besiegt werden sollen.

Roland stirbt also mit dem ganzen Pathos der christlichen und der antiken Tradition. Ariès beschreibt den Tod des Märtyrers folgendermaßen:

„Sie sterben durch aus nicht beliebig: der Tod wird von einem durch Brauch und Herkommen geregelten, verbindlich beschriebenen Ritual bestimmt. Der gewöhnliche, normale Tod fällt den Einzelnen nicht aus dem Hinterhalt an, selbst wenn er – etwa im Falle einer Verwundung – als tödlicher Unfall auftritt, […] Der entscheidende Zug ist der, dass er Zeit zur Vorahnung lässt.“ (Ariès S. 14)

Literaturangaben und weitere Lektüreempfehlungn

Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Hg. von Dieter Kartschoke. Stuttgart: Reclam, 1993.

Ariès, Philippe. Geschichte des Todes. München: Hanser, 1980.

Bertemes, Paul. Bild- und Textstruktur. Eine Analyse der Beziehungen von Illustrationszyklus und Text im Rolandslied des Pfaffen Konrad in der Handschrift P. Frankfurt a. M.: Fischer, 1984.

Bumke, Joachim. Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 11. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2005.

Brunner, Horst. Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Stuttgart: Reclam, 2010.

Nellmann, Eberhard. Pfaffe Konrad. In: 2VL 5 (1985), Sp. 115-131.

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