Luthers Septembertestament unter kunsthistorischen Gesichtspunkten

Als Kontrapunkt zu den Stundenbüchern des Duc du Berry möchte ich Euch meinen Artikel über Luthers Septembertestament vorstellen:

Das so genannte Septembertestament ist im September des Jahres 1522 erschienen. Es enthält Martin Luthers deutsche Übersetzung des Neuen Testaments aus den Vorlagen der lateinischen Vulgata und der kritischen Edition des griechischen Urtextes, die Erasmus von Rotterdam 1516 unter dem Titel Novum Instrumentum Omne herausgegeben hatte. Bei Luthers Translation handelt es sich nicht um die erste gedruckte Bibel in deutscher Sprache, aber um das erste relativ preisgünstige und in einheitlicher Form erhältliche Neue Testament. Ebenfalls gedruckte Vorläufer, die aus dem lateinischen Vulgata-Text eher wörtlich und damit häufig unverständlich übersetzt wurden, sind z.B. 1466 in Straßburg von Mentelin oder im oberdeutschen Raum 1475 in Augsburg von Günther Zainer sowie ebenda 1483 von Koberger herausgegeben worden. Als niederrheinische Ausgabe erschien 1478/79 die so genannte Kölner Bibel.

Das Septembertestament enthält nur wenige Illustrationen und ist nicht farbig, sondern schwarz/weiß gedruckt. Weitere sichtbare Auffälligkeiten befinden sich schon auf dem Titelblatt:

Deckblatt Das Newe Testament Deutzsch, kalligraphischer Holzschnitt-Titel
Melchior Lotter d.J., Wittenberg, Sept. 1522, Faksimile-Ausgabe, Deutsches Bibel Archiv Hamburg.

 

Es ist nur der Schriftzug Das Newe Testament Deutzsch in der so genannten kalligraphischen Fraktur aus Holzschnittlettern sowie die typografisch gesetzte Ortsangabe Wittenberg zu lesen.

Dies ist im Vergleich z.B. zur kolorierten Vollausgabe, die 1534 folgte, unüblich, denn auf dem Deckblatt des Septembertestaments fehlen sowohl die Angabe des Verfassers bzw. Herausgebers, des Förderers, der Name des Druckers oder der Druckerei als auch eine Datumsangabe.

Deckblatt Vollbibel, Holzschnitt mit Typographie,
Hans Lufft, 1534.

Dem Deckblatt folgt eine Vorrede. Diese Tradition findet sich auch in anderen Luther-Bibel-Ausgaben, z.B. in der o.g. Vollbibel. Die Vorrede ist hier für die Interpretation von Schriftbild und Blocksatz besonders erhellend und bedeutsam: Luther distanziert sich in ihr von anderen Bibelauslegungen. Er hält eine Vorrede für notwendig, um Klarheit beim „einfältigen Mann“ darüber zu schaffen, dass im Neuen Testament das Evangelium und die Verheißung Gottes zu finden sind und nicht – wie im Alten Testament  – Gebot und Gesetz. Er macht außerdem sehr deutlich, dass es seiner Meinung nach nicht vier Evangelien sind, sondern „ein Evangelion“ und dementsprechend nur „ein Buch des NT“, sowie es einen Glauben und einen Gott gibt. Er übersetzt das Wort Evangelion mit „gute Botschaft, gute Mär“ und interpretiert dies wiederum als das wahre Erbe Christi, dessen Worte deshalb als Predigt und nicht als Gesetz anzusehen sind.

Dieser Vorrede folgt noch eine weitere, bei der es sich um eine Erklärung Luthers handelt, welches die „rechten und edelsten Bücher des NT“ sind: Und zwar sind es diejenigen, in denen nicht die Wundertaten Jesu beschrieben, sondern in denen seine Worte verkündet werden. Explizit benennt er das Johannes-Evangelium, den Paulus-Brief an die Römer sowie den ersten der Petrus-Briefe und empfiehlt diese zur Versenkung.

Die Vorrede erstreckt sich einkolumnig über mehrere Seiten und endet schließlich, ebenso wie die folgende Anweisung, kunstvoll durch symetrisches Einziehen der Zeilenbreiten in einer dreieckigen Keilform, der Spitzkolumne, die hier gespiegelt wird und daher in der sogenannten Becherform erscheint. Dabei ist die Satzanordnung durch die Schmuckabsicht bestimmt.

Die letzten beiden Seiten der Vorrede, Septembertestament 1522

Die Schrift oder Schrifttype, in der das Septembertestament gedruckt ist, heißt Schwabacher. Sie entsteht zu der Zeit Luthers um das Jahr 1500 herum. Bei ihr handelt es sich um die erste rein deutsche Schrift. Sie ist ausschließlich als Druckschrift entwickelt, trägt aber typisch handschriftlichen Charakter. Sie beinhaltet Merkmale der Textur und der spätgotischen Kursiven und gehört zu den so genannten gebrochenen Schriften. Die Bezeichnung gebrochen rührt daher, dass der Schwung, mit dem die Rundung des jeweiligen Buchstaben hergestellt wird, teilweise mehrfach gebrochen ist. Ihr Merkmal ist dementsprechend die starke Rundung der Buchstaben, ihre Wirkung dadurch kräftiger und breiter als die der ungefähr gleichzeitig entstehenden Frakturschrift.

Die Einspaltigkeit des Textes ist ein Bruch mit der bisherigen Tradition, denn die oben erwähnten Bibeldrucke von 1466, 1475 und 1483 sind jeweils zweispaltig gedruckt worden.

An die Vorrede schließt sich das Inhaltsverzeichnis an, darauf folgen die Evangelien.

Das Inhaltsverzeichnis ist für den heutigen Leser unüblich auf die linke Seite gesetzt. Es fehlen Seitenangaben, da auf den einzelnen Buchseiten ebenfalls keine angegeben sind.

Auf der rechten Seite beginnt anschließend das Buch des Matthäus-Evangelion. Jedes der Evangelien-Bücher ist optisch ähnlich angelegt. Das Grundprinzip ist bei allen dasselbe: Unter der abgesetzten Überschrift ist eine Miniatur abgebildet. In dieser ist der Initialkörper um oder neben dem jeweiligen Apostel dargestellt.

Initialen, Holzschnitt, Septemberausgabe 1522

Als Übersicht sind oben in einer Zusammenstellung die folgenden Personen von links oben nach rechts unten abgebildet: Markus mit dem Löwen (3), Lukas mit dem Stier (4), Johannes mit dem Adler (5), die Miniaturen zur Apostelgeschichte des Lukas (6), des Paulus (7) und des Petrus (8).

Abweichend von der Darstellung des Matthäus, Markus und Lukas, die jeweils mit ihnen zugeordneten Symbolen in einem Raum an einem Schreibpult sitzend gezeigt werden, befindet sich Johannes als einziger der Evangelisten unter freiem Himmel.

Am Textbild des Septembertestaments bzw. des Evangelions ist als auffälliges Merkmal zu erkennen, dass der Text als Block in eine Kolumne gesetzt ist, während z.B. die Gutenberg-Bibel noch in zwei Kolumnen und in gotischer Schrift erscheint. Als weitere Besonderheiten können beobachtet werden:

Einerseits sind Luthers Kommentare oder Scholien in den äußeren Marginalspalten (also am äußeren Rand) als Erklärungen und Ergänzungen der Perikopen bzw. zur Verwendung für Predigten angeordnet. Seine Verweise auf Parallelstellen befinden sich dagegen in den inneren Marginalspalten.

Die Kapitelunterteilung wird durch die vergrößerten Initialen hervorgehoben.

Eine Interpunktion fehlt innerhalb der Absätze, ist aber durch Schrägstriche ersetzt worden. Absätze, deren Enden durch Punkte markiert sind, werden zusätzlich durch Leerzeilen voneinander getrennt.

    Beispielseite Septembertestament 1522.

Die Wirkung der einspaltigen Schrifblöcke bzw. Versalien wird durch die verwendete Schwabach-Druckschrift verstärkt: Die Übersichtlichkeit wird durch die rundlichen Buchstaben, durch ihre variierende Größe – also: Überschriften sehr groß, Kolumnentext mittelgroß, Scholien und Verweise klein – sowie durch die Leerzeilen zwischen den Textabschnitten unterstützt. Der Text als Ganzes wirkt lesbar und verständlich und scheint dadurch auch dem ungeübten Leser bzw. dem Laien als bezwingbares Wort Gottes.

Während in vorigen Bibeln die Bibeltexte eher unüberschaubar angeordnet und daher schwer lesbar oder als kunstvoller Buchstabenteppich um eingebettete Illustrationen arrangiert sind, wird hier das Augenmerk und so der Fokus des Lesers auf das Wort gerichtet. Es steht im Mittelpunkt, ist deutlich erkennbar und kann wahrgenommen werden, passend zu den einleitenden Worten Luthers in seiner Vorrede. So harmoniert diese Darstellung zum einen mit dem Schwerpunkt, den Luther in seiner Auslegung auf das Wort als wichtigeren Bestandteil der Überlieferung legt als auch mit seinem Vorhaben, dem „eynfelltigen man“ die Worte der Bibel näher zu bringen und die Versenkung in den Text zu fördern.

Literaturverzeichnis:

Frutiger, Adrian: Der Mensch und seine Zeichen. Schriften, Symbole, Signete, Signale. Paris, 2. erweiterte und  verbesserte Auflage 1989.

Kirschbaum, Engelbert SJ (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie, Band 1, Rom u.a. 1994.

Krause, Gerhard/Müller, Gerhard (Hg.): Theologische Realenzyklopädie, Band VI, Berlin/New York 1980.

Lexikon des Mittelalters online: Lexikon des Mittelalters, 10 vols (Stuttgart: Metzler, [1977]-1999), vol. 8, cols 135-137, in Brepolis Medieval Encyclopaedias – Lexikon des Mittelalters Online).

Luther, Martin: Das Newe Testament Deutzsch. Faksimile-Ausgabe nach dem Original von 1522, Deutsches Bibel Archiv Hamburg.

Müller, Gerhard (Hg.): Theologische Realenzyklopädie, Band XXI, Berlin/New York, 1991.

Perrig, Alexander: Albrecht Dürer oder die Heimlichkeit der deutschen Ketzerei. Weinheim 1987.

Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte, hg. von Otto Schmitt, Bd. I ff., Stuttgart [von Bd. VI an: München] 1937 ff.

Roettig, Petra: Zeichen und Wunder. Weissagungen um 1500. Hamburger Kunsthalle 2000.

Stiebner, Erhardt/Leonhard, Walter: Bruckmann‘s Handbuch der Schrift, München 1977.

Stiebner, Erhardt D. (Hg.): Initialen und Bildbuchstaben, München 1983.

Volz, Hans: Martin Luthers deutsche Bibel. Entstehung und Geschichte der Lutherbibel. Hamburg 1978.

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