Illustrierte Handschriften des ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach

Der ‚Willehalm‚ ist neben dem ‚Parzival‚ (ca. 80 Textzeugen) der am besten überlieferte Text der mhd. Erzählliteratur ,1 und auffallend häufig mit kostbaren Buchmalereien verziert.

1Greenfield, John / Miklautsch, Lydia. Der ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach. Eine Einführung. Berlin [u.a.]: de Gruyter, 1998. S. 274.

Es gibt vom ‚Willehalm‘ mehr als 70 Textzeugen; davon sind 12 vollständige Handschriften und 65 Fragmente. Oft findet man ihn im Überlieferungsverbund mit Ulrichs von Türlin ‚Arabel‘ („Vorgeschichte“) und Ulrichs von Türheim ‚Rennewart‘ („Weiterführung der Geschichte“). Dieser Überleiferungsnähe nennt sich „Zyklenbildung“; die Geschichte einer anderen Dichters wurde ergänzt bzw. fortgesetzt und bilden dann in der Überlieferund eine Einheit.

Repräsentativ für die ‚Willehalm‘-Handschriften sind die reich ausgestatteten, großformatigen bebilderten Codices, die im Auftrag fürstlicher Mäzene hergestellt worden sind. 1

Als Beispiel sind hier fünf Handschriften angeführt, die man allesamt im Handschriftencensus aufgeführt finden kann, teilweise mit Links zu Digitalisaten.  2

1Vgl. Bumke, Joachim. Wolfram von Eschenbach. In: Die deutsche Literatur der Mittelalters. Verfasserlexikon. Band 10. 2. Auflage. Hg. von Kurt Ruh [u.a.]. Berlin [u.a.]: DeGruyter, 1999. Sp. 1375-1418.

2 http://www.handschriftencensus.de

Wohl das älteste Fragment mit Illustrationen ist das sog. Fragment 17. Es handelt sich um ein paar Pergament-Blätter und -Reste, die etwa im 1. Viertel 13. Jh. (nach 1220) (Hillmann) oder im 3. Viertel 13. Jh. (70er Jahre?) (Schneider) entstanden sein könnten. Interessant ist die Anordnung der Bilder und des Textes: Es ist die einzige Bilderhs. des Epos, deren Bilder wie in Eike von Repgows ‚Sachsenspiegel‚ (Rechtsbuch) angeordnet sind. Beide Seiten vertikal gegliedert: 2/3 der Seite Bildleiste, 1/3 Text, der vertikal fast Satz für Satz illustriert (vgl. Bumke, VL, Sp. 1398).

Die Kasseler Handschrift Ka ist enstanden im Auftrag Heinrichs II. von Hessen. Besonderes Rezeptionsinteresse (laut Kleinschmidt) durch eine genealogische Legitimierung durch den heiligen Vorfahren Willehalm klingt „zumindest an“. Die Handschrift entstand 1334 und “ […] geplant war ein Zyklus von über 461 gerahmten Deckfarbenminiaturen, davon sind 62 fertiggestellt oder begonnen“ (VL) ; die  ‚Arabel‘ ist durchgehend illustriert, Platz für weitere Miniaturen wurde gelassen.

Die Handschrift W ist kostbar bebildert worden im Auftrag König Wenzel I. und wurde wahrscheinlich in der Nähe von Prag geschrieben. Dieser Prachtcodex ist ein wahnsinniger Klopper (fast so groß wie das Ambraser Heldenbuch, dass ich heute noch als Faksimile im Tutorium gezeigt habe) und misst 54 x 36 cm. Entstanden ist er 1387 und enthält 247 Miniaturen, abwechselnd blaue und goldene Initialen mit Verzierungen und Randleisten. Auf dem unteren Bild sehen wir ein Porträt Ulrichs von dem Türlin, der die oft mit dem ‚Willehalm‘ zusammen überlieferte ‚Arabel‘ schuf. Leider habe ich kein komplettes Digitalisat der Handschrift finden können.

Dieses andere Bild sollte ebenfalls einen Eindruck davon vermitteln, wie aufwendig diese Illustrationen waren (Initialen, Blattgold, etc.). Ich glaube, man sieht hier die Hochzeit Rennewarts und Alyzes?

Warum sind die Handschriften des  ‚Willehalm‘ so überdurchschnittlich gut illustriert? Ott und Greenfield stellen Vermutungen an: „es lag wohl an der historischen Thematik von Wolframs Dichtung, dass sie im Rezeptionsprozess […] in die Nähe gereimter Chroniken gerückt ist, die häufiger als erzählende Werke illustriert wurden.“ (Greenfield, S. 275)

Einerseits hängt es mit dem Repräsentationsanspruch der Gönner zusammen. Codices waren Identifikationsobjekte für adeliges Selbstverständnis im Allgemeinen. Da der ‚Willehalm‘ aber zudem eine sehr besondere Gattungsmischung ist, ein „Zwitter aus Staatsroman, Heiligenlegende und Fürstenspiegel“ (Ott, S. 100), sind die Gründe vll. in der Materie zu suchen. Der ‚Willehalm‘ steht u.a. im Cod. 857 im Überlieferungsverbund mit Karlsdichtung und Stoffkreis karolingischer Reichsgeschichte und somit auch in direkter Nachbarschaft zu (heils-)geschichtlicher Wahrheit. Die Ikonographie des Karl-/Roland-/Willehalm-Stoffes (auch als Monumentalkunst war nach außen repräsentativ, da den Texten ein „stoffimmanenter Appellcharakter“ inne war (vgl. Ott).  Der  literarische Stoff der Chanson de geste ist vielleicht mehr als andere „bewusst zur politischen Propaganda“ (Ott) benutzt worden und hatte verstärkte öffentliche Funktion, was auch die Ausstattung mit Prachtillustrationen nahelegen würde.

Es hat mir viel Freude bereitet, endlich einmal wieder etwas „konkretes“ mit Handschriften zu machen. Kann nur empfehlen, sich durch die Digitalisate zu klicken und eigenständig zu erkunden – viel Spaß!

Quellen:

http://www.handschriftencensus.de/

Bumke, Joachim. Wolfram von Eschenbach. In: Die deutsche Literatur der Mittelalters. Verfasserlexikon. Band 10. 2. Auflage. Hg. von Kurt Ruh [u.a.]. Berlin [u.a.]: DeGruyter, 1999. Sp. 1375-1418.

Greenfield, John / Miklautsch, Lydia. Der ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach. Eine Einführung. Berlin [u.a.]: de Gruyter, 1998.

Jakobi-Mirwald, Christine. Buchmalerei. Terminologie in der Kunstgeschichte. 3. Aufl. Berlin: Reminer, 2008.

Ott, Norbert H. Pictura docet. Zu Gebrauchssituation, Deutungsangebot und Appellcharakter ikonographischer Zeugnisse mittelalterlicher Literatur am Beispiel der Chanson de geste. In:

Gerhard Hahn, Hedda Ragotzky (Hgg.) Grundlagen des Verstehens mittelalterlicher Literatur. Literarische Texte und ihr historischer Erkenntniswert. Stuttgart: Kröner, 1992 (Kröners Studienbibliothek, Bd. 663). S. 187-212.

Ott-Meimberg, Marianne. Kreuzzugsepos oder Staatsroman? Strukturen adeliger Heilsversicherung im deutschen ‚Rolandslied‘. Zürich [u.a.]: Artemis-Verlag, 1980.

Schneider, Karin. Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten. Eine Einführung. 2. Aufl. Tübingen: Niemeyer, 2009.

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