Monatsarchiv: Oktober 2012

Wielandsage im Runenkästchen von Auzon

Das Runenkästchen von Auzon, wie es nach seinem Fundort in Frankreich heißt, stammt aus dem späten 7. oder frühen 8. Jahrhundert. Es besteht aus geschnitzten Walfischknochenplatten, in die bildliche Darstellungen und Runen gefügt sind. Einen Ausschnitt davon soll hier näher betrachtet werden.

Joachim Heinzle führt es in seinem Aufsatz „Was ist Heldensage?“ als „ältestes Zeugnis für die Existenz der Wieland-Sage“ an. Da ich gestern erst eine Übersetzung der Wieland-Sage der Thidrekssaga gelesen habe, fasziniert mich die bildliche Darstellung auf dem Kästchen gerade. Hier kurz die Handlung der Sage, um dann die Darstellung auf der linke vorderen Seite des Kästchen zu erläutern.

„König Nidudr bemächtigt sich des kunstreichen Schmiedes Volundr (Wieland) und lässt ihm auf Rat seiner Frau die Kniesehnen durchschneiden. Er muß für den König kostbares Schmiedewerk herstellen. Als sich die Gelegenheit bietet, nimmt er furchtbare Rache. Er schlägt den beiden Königssöhnen die Köpfe ab und fertigt aus den Hirnschalen Trinkgefäße für den König, aus den Augen Edelsteine und aus den Zähnen Brustschmuck für diee Königstochter. Später gelingt es ihm, diese mit Bier betrunken zu machen und zu schwängern.“  (Heinzle, S. 1)

Nach der Volundarkvida fliegt er danach in die Luft auf und davon, die Thidrekssaga beschreibt den näheren Zusammenhang. Wielands Bruder Egil, ein guter Schütze, erlegt auf dessen Bitte hin im Wald Vögel, aus deren Federn Wieland sich ein Federhemd anfertigt, mit dessen Hilfe er fliegen kann und entkommt dem König so trotz seiner Lähmung.

Auf dem Kästchen sind Schlüsselszenen aus der Wielandssage zu sehen: Der Schmied, links stehend, die Beine eingeknickt, bietet über den Amboss hinweg einer Frau (die Königstochter Badhild oder auch Bödvild) einen Becher dar. Seine Zange umfasst einen Schädel. Am Boden liegt ein Körper ohen Kopf (Nidudrs erschlagener Sohn). Hinter der Frau steht eine zweite (vielleicht die Mutter?). Rechts von der zweiten Frau ist eine Vogelfangszene abgebildet. In der Runenbeischift steht auf dem Deckel steht bei einem Schützen „Ægili“ – Egil (Vgl. Heinzle S. 2-3).
Wielands Sohn ist übrigens Witege, einer der Gefährten Dietrichs oder auch Thidreks von Bern.

Hier noch ein archäologischer Blickwinkel von „In Focus“ auf Franks casket, das wohl zeitweise als Nähkästchen verwendet wurde, bevor es den Weg ins British Museum fand.

Literatur:

Heinzle, Joachim. Was ist Heldensage? In: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft Bd. 14, 2003/2004. S. 1-23.

Das Wölundlied. In: Die Heldenlieder der älteren Edda. Hg. von Arnulf Krause. Stuttgart: Reclam, 2001.

Die Geschichte Thidreks von Bern. Übersetzt von Fine Erichsen. Jena: Eugen Diederichs Verlag, 1922 (Thule 22).

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Edelsteine

Von der Antike bis zur Gegenwart sind Edelsteine als Luxusobjekte stets zu Zentren der Macht und des Reichtums über tausende von Kilometern transportiert worden. Schmucksteine wurden nach Farbgebung und auch Härtegrad eingeteilt, sodass in der Antike und im Mittelalter „keine echte Klassifikation und abgrenzende Namensgebung vorliegt.” Als gemmae (Knospen) wurden sie aus dem Glauben an einen organischen Ursprung bezeichnet, der den Edelsteinen Leben, „Maturation” und Tod verlieh und sie astral-kosmologischen Einflüssen öffnete und diese an den Träger weitergeben ließ. (s. Hahn)

Wohingegen die Klassifikation von Edelsteinen heute auf der Kenntnis der Kristallstruktur beruht, wurden in der Antike und im Mittelalter auch andere Produkte wie Metalle, Halbedelsteine, Mineralien oder auch organische Erzeugnisse (z.B. Korallen oder Elfenbein) zu den Edelsteinen gezählt. Die Begrifflichkeiten sind dementsprechend häufig unscharf. Wissen über Edelsteine wurde im Mittelalter vor allem in Enzyklopädien und sogenannten Lapidarien vermittelt. Lapidarien (von lateinisch lapis, Stein) sind Werke der Spätantike und des Mittelalters, die sich mit Edelsteinen und ihren vermeintlich magischen und heilenden Wirkungen beschäftigen, wie z.B. Beispiel das Steinbuch des Volmar (Scan bei archive.org), ein 1008 Verse langes Gedicht, entstanden ca. in der Mitte des 13. Jahrhunderts (s. VL Volmar).

Besonders Plinius und der „Pseudo-Damigeron (Evax)” haben den Steinbücher des Mittelalters als Grundlage gedient, sie sind u.a. rezipiert worden in den steinkundlichen Werken Marbods von Rennes, Arnolds von Sachsen, Bartholomäus Angelicus uvm.

Edelsteinen werden im Mittelalter bestimmte heilende und magische Wirkungen nachgesagt, die sich als Lithotherapie bezeichnen lassen. Edelsteine besitzen laut Lapidarien und Enzyklopädien apotropäische Kräfte zur Abwendung von Gefahren und Schädigungen aus dem Bereich der Magie, gegen Dämonen und Krankheiten. Sie helfen bei der Abwendung schädlicher Gefühle, sinnlicher Leidenschaft, und auch allgemein gegen moralisch schlechte Regungen. Die Lithotherapie ist in der christlichen Allegorese nahezu vollständig auf den Komplex der Sündenkrankheit und ihrer Heilung konzentriert und in ein theologisches Verständnis von Laster und Tugenden integriert. (s. Meier, 1977. S. 429.)

Bei der Deutung der Steine im Mittelalter wird häufig ein Bezug der Dingähnlichkeit hergestellt; z.B. der Sarder, dem im Mittelalter eine rote Farbe zugedacht war, stellt das Feuer dar.

Dem Saphir wird durch seine blaue Färbung Ähnlichkeit mit der Himmelsfarbe beigemessen. Die Vorstellung, dass die zehn Gebote von Mose auf Saphirstein festgehalten wurde, ist im Mittelalter verbreitet und geht zurück auf Exodus 24,10.2 Dies erwähnt z.B. Volmar eingangs in seinem Lapidarium, wenn er argumentiert, dass Edelsteine göttlicher Natur seien: Moysê gap mit den zehen gebot, / die wâren auf saphîr ergraben (‚Steinbuch‘ Vv. 50-51).

Das Grün des Smaragds ist seine herausgehobenste ‚proprietas‘. „Eine allegorische Bedeutung erhält das Grün durch die Ähnlichkeit mit der Vegetation, woraus sich die Beziehung zum Glauben, zur Hoffnung oder zum ewigen Leben ergibt.“ (Wegner S. 111) Ausgehend von Isidor und Plinius ist eine farbliche Verschönerung des Steins zu erreichen mit Öl und Wein, „was schließlich im Bereich der christlichen Allegorese sinnstiftend wurde.“

Die mittelalterliche Allegorese und Dichtung und vor allem die Gral-Dichtung haben sich mit Edelsteinen intensiv beschäftigt, ebenso die Sakralkultur und Architektur. Besonders prominent ist die Verwendung von Edelsteinen in der mittelalterlichen Literatur in der Gralstempelpassage des ‚Jüngeren Titurel‘. Die Beschreibung des Gralstempels im ‚Jüngeren Titurel‘ (‚JT‘ Strophe 329-439) ist in der Literaturgeschichte des 13. Jahrhunderts ein herausragendes Ereignis. An der Analyse des Gralstempels, seines Aufbaus und seiner Bedeutung haben sich schon viele Forschende versucht. Der Bau ist so gigantisch und übervoll mit Symbolik und Schmuck, dass der neuzeitliche Leser hinreichend beeindruckt sein sollte. Die Edelsteine dort lehren nicht nur Tugend, sondern nach dem mittelalterlichen Glauben an apotropäische Kräfte bewirken sie sie ganz aktiv durch ihre Effekte. So macht der Spahir z.B. bußfertig, der Onyx unterstützt die Keuschheit, indem er fleischliches Verlangen unterdrückt, Beryll und Kristall führen Reinheit und Keuschheit herbei und Amethyst schützt vor Krankheit und Trunksucht. Nicht nur die Architektur des fiktiven Bauwerks, sondern auch die Edelsteine, aus denen es besteht, sind in der Tradition der christlichen Edelstein-Allegorese und im enzyklopädischen Wissen der Zeit reiche Bedeutungsträger.

Literatur:

Albrechts von Scharfenberg Jüngerer Titurel, Bd. I (Strophe 1-1957). Hg. von Werner Wolf. Berlin: Akademie Verlag, 1955.

Das Steinbuch. Ein altdeutsches Gedicht von Volmar. Hg. Von Hans Lambel. Heilbronn: Henninger, 1877.

Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla. Übers. u. mit Anm. vers. v. Lenelotte Möller. Wiesbaden: Marixverlag, 2008.

Brokmann, Steffen. Die Beschreibung des Gralstempels in Albrechts ‚Jüngerem Titurel‘. Diss. Ruhr-Universität Bochum, 1999.

Crossgrove, William C. Volmar. In: VL 10, (1999). Sp. 497-500.

Engelen, Ulrich. Die Edelsteine in der deutschen Dichtung des 12. und 13. Jahrhunderts. München: Fink, 1978.

Hahn, K. / Elbern, V. H. Edelsteine. In: LdM 3 (2009). Sp.1560-1565.

Meier, Christel. Gemma spiritalis. Methode und Gebrauch der Edelsteinallegorese vom Christentum bis ins 18. Jahrhundert. Teil 1. München: Fink, 1977.

Wegner, Wolfgang. Albrecht, ein poeta doctus rerum naturae? Zu Umfang und Funktionalisierung naturkundlicher Realien im ‚Jüngeren Titurel‘. Frankfurt a.M. [u.a.]: Lang, 1996.

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