Wielandsage im Runenkästchen von Auzon

Das Runenkästchen von Auzon, wie es nach seinem Fundort in Frankreich heißt, stammt aus dem späten 7. oder frühen 8. Jahrhundert. Es besteht aus geschnitzten Walfischknochenplatten, in die bildliche Darstellungen und Runen gefügt sind. Ein Ausschnitt davon soll hier näher betrachtet werden.

Joachim Heinzle führt es in seinem Aufsatz „Was ist Heldensage?“ als „ältestes Zeugnis für die Existenz der Wieland-Sage“ an, dessen bildliche Darstellung  sich auf dem Kästchen findet. Hier kurz die Handlung der Wieland-Sage der ‚Thidrekssaga‘, um dann die Darstellung auf der linken vorderen Seite des Kästchen zu erläutern.

„König Nidudr bemächtigt sich des kunstreichen Schmiedes Volundr (Wieland) und lässt ihm auf Rat seiner Frau die Kniesehnen durchschneiden. Er muß für den König kostbares Schmiedewerk herstellen. Als sich die Gelegenheit bietet, nimmt er furchtbare Rache. Er schlägt den beiden Königssöhnen die Köpfe ab und fertigt aus den Hirnschalen Trinkgefäße für den König, aus den Augen Edelsteine und aus den Zähnen Brustschmuck für die Königstochter. Später gelingt es ihm, diese mit Bier betrunken zu machen und zu schwängern.“  (Heinzle, S. 1)

Nach der Volundarkvida fliegt er danach in die Luft auf und davon, die Thidrekssaga beschreibt den näheren Zusammenhang. Wielands Bruder Egil, ein guter Schütze, erlegt auf dessen Bitte hin im Wald Vögel, aus deren Federn Wieland sich ein Federhemd anfertigt, mit dessen Hilfe er fliegen kann und er entkommt dem König so trotz seiner Lähmung.

Auf dem Kästchen sind Schlüsselszenen aus der Wielandssage zu sehen: Der Schmied, links stehend, die Beine eingeknickt, bietet über den Amboss hinweg einer Frau (die Königstochter Badhild oder auch Bödvild) einen Becher dar. Seine Zange umfasst einen Schädel. Am Boden liegt ein Körper ohne Kopf (Nidudrs erschlagener Sohn). Hinter der Frau steht eine zweite (vielleicht die Mutter?). Rechts von der zweiten Frau ist eine Vogelfangszene abgebildet. In der Runenbeischift steht auf dem Deckel steht bei einem Schützen „Ægili“ – Egil (vgl. Heinzle, S. 2-3). Wielands Sohn ist übrigens Witege, einer der Gefährten Dietrichs oder auch Thidreks von Bern.

Hier noch ein archäologischer Blickwinkel von „In Focus“ auf Franks casket, das wohl zeitweise als Nähkästchen verwendet wurde, bevor es den Weg ins British Museum fand.

Literatur:

Heinzle, Joachim. Was ist Heldensage? In: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft Bd. 14, 2003/2004. S. 1-23.

Das Wölundlied. In: Die Heldenlieder der älteren Edda. Hg. von Arnulf Krause. Stuttgart: Reclam, 2001.

Die Geschichte Thidreks von Bern. Übersetzt von Fine Erichsen. Jena: Eugen Diederichs Verlag, 1922 (Thule 22).

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