Monatsarchiv: August 2014

Vorstellungen von Muslimen in der abendländischen mittelalterlichen Literatur

Trotz der Faszination, die der Orient auf die Literatur des Mittelalters ausübte, war den Verfassern über seine Bewohner und ihre Religion nur sehr wenig bekannt. „Die christlichen Europäer hatten von der Religion jener Andersgläubigen keine rechte Vorstellung.“ (Müller, S. 31.) Dies gab Anlass zur Spekulation und reizte die abendländische Vorstellungskraft. (Vgl. Southern, 1981. S. 16.) „Nimmt man die volkssprachlichen Erzählwerke des hohen und späten Mittelalters als Zeugnisse für die landläufige Einschätzung der ‚heiden‘ in Adel und Stadtbürgertum, so zeigen diese ein ganz besonderes, von der Realität weit abweichendes Bild des Islam und der Muslime.“ (Müller, 2002. S. 32.)

Dies zeigt sich u. a. daran, dass die Muslime als Anhänger einer polytheistischen Religion galten, „die – wie die heidnischen Völker des alten Testaments – an ‚Abgötter‘ glaubten […]“, (Müller, 2002. S. 32.) welche u.a. als eine Mischung aus verschiedenen antiken Göttern beschrieben wurden. Dieses Bild vom muslimischen Glauben findet sich angefangen beim ‚Rolandslied‘ des Pfaffen Konrad in allen epischen Gedichten des Abendlandes wieder. Diese Werke stimmten darin überein, dass die Sarazenen Götzendiener seien und zählten ein „pittoreskes Gespann“ von mehr als dreißig Göttern. Der Name Mohammed war zwar bekannt, aber mischte sich mit den Vorstellungen der Götzendienerei, die aus Antikenromanen bekannt waren. Im ‚Rolandslied‘ verehren die Heiden beispielsweise drei Götter: Tervagant, Mohammed und Apollo. (Vgl. Southern, 1981 S. 27.)

Schweizerischer Nationalfonds. Bild des Monats Dezember 2008

Dies ist ein Beispiel dafür, wie wenig im mittelalterlichen Europa über die ‚Anderen‘ bekannt war. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, wenn den Heiden, die z.B. im ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach im Dienst der Minne stehen, weitgehend ein theologischer Begründungsrahmen fehlt (vgl. Kiening, 1991. S. 169.) und die Religion der Anderen im Unterschied zum Christentum zwangsläufig eine Leerstelle bleiben musste. Die Konstruktion des Unvertrauten erfolgt meist aus dem „vertrauten Eigenen“ (Goerlitz/ Haubrichs, S. 6.) heraus, denn wenn etwas Unbekanntes beschrieben wird, rekurriert man auf Bekanntes. „Unweigerlich formen die Menschen jene Welt, die sie nicht kennen, nach dem Vorbild der Welt, die sie kennen.“ (Southern, 1981. S. 27.)

 

Literatur:

Goerlitz, Uta / Haubrichs, Wolfgang. Einleitung. In: Intergration oder Desintegration? Heiden und Christen im Mittelalter. LiLi 156 (2009). S. 5-11.

Kiening, Christian. Reflexion – Narration. Wege zum ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach. Tübingen: Niemeyer, 1991.

Müller, Ulrich. Toleranz zwischen Christen und Muslimen im Mittelalter? Zur Archäologie der Beziehungen zwischen dem christlich-lateinischen Okzident und dem islamischen Orient. In: Studia Niemcoznawcze 23 (2002). S. 25-62.

Southern, Richard William. Das Islambild des Mittelalters. Stuttgart [u.a.]: Kohlhammer, 1981.


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