Archiv der Kategorie: Christliches

Vorstellungen von Muslimen in der abendländischen mittelalterlichen Literatur

Trotz der Faszination, die der Orient auf die Literatur des Mittelalters ausübte, war den Verfassern über seine Bewohner und ihre Religion nur sehr wenig bekannt. „Die christlichen Europäer hatten von der Religion jener Andersgläubigen keine rechte Vorstellung.“ (Müller, S. 31.) Dies gab Anlass zur Spekulation und reizte die abendländische Vorstellungskraft. (Vgl. Southern, 1981. S. 16.) „Nimmt man die volkssprachlichen Erzählwerke des hohen und späten Mittelalters als Zeugnisse für die landläufige Einschätzung der ‚heiden‘ in Adel und Stadtbürgertum, so zeigen diese ein ganz besonderes, von der Realität weit abweichendes Bild des Islam und der Muslime.“ (Müller, 2002. S. 32.)

Dies zeigt sich u. a. daran, dass die Muslime als Anhänger einer polytheistischen Religion galten, „die – wie die heidnischen Völker des alten Testaments – an ‚Abgötter‘ glaubten […]“, (Müller, 2002. S. 32.) welche u.a. als eine Mischung aus verschiedenen antiken Göttern beschrieben wurden. Dieses Bild vom muslimischen Glauben findet sich angefangen beim ‚Rolandslied‘ des Pfaffen Konrad in allen epischen Gedichten des Abendlandes wieder. Diese Werke stimmten darin überein, dass die Sarazenen Götzendiener seien und zählten ein „pittoreskes Gespann“ von mehr als dreißig Göttern. Der Name Mohammed war zwar bekannt, aber mischte sich mit den Vorstellungen der Götzendienerei, die aus Antikenromanen bekannt waren. Im ‚Rolandslied‘ verehren die Heiden beispielsweise drei Götter: Tervagant, Mohammed und Apollo. (Vgl. Southern, 1981 S. 27.)

Schweizerischer Nationalfonds. Bild des Monats Dezember 2008

Dies ist ein Beispiel dafür, wie wenig im mittelalterlichen Europa über die ‚Anderen‘ bekannt war. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, wenn den Heiden, die z.B. im ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach im Dienst der Minne stehen, weitgehend ein theologischer Begründungsrahmen fehlt (vgl. Kiening, 1991. S. 169.) und die Religion der Anderen im Unterschied zum Christentum zwangsläufig eine Leerstelle bleiben musste. Die Konstruktion des Unvertrauten erfolgt meist aus dem „vertrauten Eigenen“ (Goerlitz/ Haubrichs, S. 6.) heraus, denn wenn etwas Unbekanntes beschrieben wird, rekurriert man auf Bekanntes. „Unweigerlich formen die Menschen jene Welt, die sie nicht kennen, nach dem Vorbild der Welt, die sie kennen.“ (Southern, 1981. S. 27.)

 

Literatur:

Goerlitz, Uta / Haubrichs, Wolfgang. Einleitung. In: Intergration oder Desintegration? Heiden und Christen im Mittelalter. LiLi 156 (2009). S. 5-11.

Kiening, Christian. Reflexion – Narration. Wege zum ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach. Tübingen: Niemeyer, 1991.

Müller, Ulrich. Toleranz zwischen Christen und Muslimen im Mittelalter? Zur Archäologie der Beziehungen zwischen dem christlich-lateinischen Okzident und dem islamischen Orient. In: Studia Niemcoznawcze 23 (2002). S. 25-62.

Southern, Richard William. Das Islambild des Mittelalters. Stuttgart [u.a.]: Kohlhammer, 1981.


Edelsteine

Von der Antike bis zur Gegenwart sind Edelsteine als Luxusobjekte stets zu Zentren der Macht und des Reichtums über tausende von Kilometern transportiert worden. Schmucksteine wurden nach Farbgebung und auch Härtegrad eingeteilt, sodass in der Antike und im Mittelalter „keine echte Klassifikation und abgrenzende Namensgebung vorliegt.” Als gemmae (Knospen) wurden sie aus dem Glauben an einen organischen Ursprung bezeichnet, der den Edelsteinen Leben, „Maturation” und Tod verlieh und sie astral-kosmologischen Einflüssen öffnete und diese an den Träger weitergeben ließ. (s. Hahn)

Wohingegen die Klassifikation von Edelsteinen heute auf der Kenntnis der Kristallstruktur beruht, wurden in der Antike und im Mittelalter auch andere Produkte wie Metalle, Halbedelsteine, Mineralien oder auch organische Erzeugnisse (z.B. Korallen oder Elfenbein) zu den Edelsteinen gezählt. Die Begrifflichkeiten sind dementsprechend häufig unscharf. Wissen über Edelsteine wurde im Mittelalter vor allem in Enzyklopädien und sogenannten Lapidarien vermittelt. Lapidarien (von lateinisch lapis, Stein) sind Werke der Spätantike und des Mittelalters, die sich mit Edelsteinen und ihren vermeintlich magischen und heilenden Wirkungen beschäftigen, wie z.B. Beispiel das Steinbuch des Volmar (Scan bei archive.org), ein 1008 Verse langes Gedicht, entstanden ca. in der Mitte des 13. Jahrhunderts (s. VL Volmar).

Besonders Plinius und der „Pseudo-Damigeron (Evax)” haben den Steinbücher des Mittelalters als Grundlage gedient, sie sind u.a. rezipiert worden in den steinkundlichen Werken Marbods von Rennes, Arnolds von Sachsen, Bartholomäus Angelicus uvm.

Edelsteinen werden im Mittelalter bestimmte heilende und magische Wirkungen nachgesagt, die sich als Lithotherapie bezeichnen lassen. Edelsteine besitzen laut Lapidarien und Enzyklopädien apotropäische Kräfte zur Abwendung von Gefahren und Schädigungen aus dem Bereich der Magie, gegen Dämonen und Krankheiten. Sie helfen bei der Abwendung schädlicher Gefühle, sinnlicher Leidenschaft, und auch allgemein gegen moralisch schlechte Regungen. Die Lithotherapie ist in der christlichen Allegorese nahezu vollständig auf den Komplex der Sündenkrankheit und ihrer Heilung konzentriert und in ein theologisches Verständnis von Laster und Tugenden integriert. (s. Meier, 1977. S. 429.)

Bei der Deutung der Steine im Mittelalter wird häufig ein Bezug der Dingähnlichkeit hergestellt; z.B. der Sarder, dem im Mittelalter eine rote Farbe zugedacht war, stellt das Feuer dar.

Dem Saphir wird durch seine blaue Färbung Ähnlichkeit mit der Himmelsfarbe beigemessen. Die Vorstellung, dass die zehn Gebote von Mose auf Saphirstein festgehalten wurde, ist im Mittelalter verbreitet und geht zurück auf Exodus 24,10.2 Dies erwähnt z.B. Volmar eingangs in seinem Lapidarium, wenn er argumentiert, dass Edelsteine göttlicher Natur seien: Moysê gap mit den zehen gebot, / die wâren auf saphîr ergraben (‚Steinbuch‘ Vv. 50-51).

Das Grün des Smaragds ist seine herausgehobenste ‚proprietas‘. „Eine allegorische Bedeutung erhält das Grün durch die Ähnlichkeit mit der Vegetation, woraus sich die Beziehung zum Glauben, zur Hoffnung oder zum ewigen Leben ergibt.“ (Wegner S. 111) Ausgehend von Isidor und Plinius ist eine farbliche Verschönerung des Steins zu erreichen mit Öl und Wein, „was schließlich im Bereich der christlichen Allegorese sinnstiftend wurde.“

Die mittelalterliche Allegorese und Dichtung und vor allem die Gral-Dichtung haben sich mit Edelsteinen intensiv beschäftigt, ebenso die Sakralkultur und Architektur. Besonders prominent ist die Verwendung von Edelsteinen in der mittelalterlichen Literatur in der Gralstempelpassage des ‚Jüngeren Titurel‘. Die Beschreibung des Gralstempels im ‚Jüngeren Titurel‘ (‚JT‘ Strophe 329-439) ist in der Literaturgeschichte des 13. Jahrhunderts ein herausragendes Ereignis. An der Analyse des Gralstempels, seines Aufbaus und seiner Bedeutung haben sich schon viele Forschende versucht. Der Bau ist so gigantisch und übervoll mit Symbolik und Schmuck, dass der neuzeitliche Leser hinreichend beeindruckt sein sollte. Die Edelsteine dort lehren nicht nur Tugend, sondern nach dem mittelalterlichen Glauben an apotropäische Kräfte bewirken sie sie ganz aktiv durch ihre Effekte. So macht der Spahir z.B. bußfertig, der Onyx unterstützt die Keuschheit, indem er fleischliches Verlangen unterdrückt, Beryll und Kristall führen Reinheit und Keuschheit herbei und Amethyst schützt vor Krankheit und Trunksucht. Nicht nur die Architektur des fiktiven Bauwerks, sondern auch die Edelsteine, aus denen es besteht, sind in der Tradition der christlichen Edelstein-Allegorese und im enzyklopädischen Wissen der Zeit reiche Bedeutungsträger.

Literatur:

Albrechts von Scharfenberg Jüngerer Titurel, Bd. I (Strophe 1-1957). Hg. von Werner Wolf. Berlin: Akademie Verlag, 1955.

Das Steinbuch. Ein altdeutsches Gedicht von Volmar. Hg. Von Hans Lambel. Heilbronn: Henninger, 1877.

Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla. Übers. u. mit Anm. vers. v. Lenelotte Möller. Wiesbaden: Marixverlag, 2008.

Brokmann, Steffen. Die Beschreibung des Gralstempels in Albrechts ‚Jüngerem Titurel‘. Diss. Ruhr-Universität Bochum, 1999.

Crossgrove, William C. Volmar. In: VL 10, (1999). Sp. 497-500.

Engelen, Ulrich. Die Edelsteine in der deutschen Dichtung des 12. und 13. Jahrhunderts. München: Fink, 1978.

Hahn, K. / Elbern, V. H. Edelsteine. In: LdM 3 (2009). Sp.1560-1565.

Meier, Christel. Gemma spiritalis. Methode und Gebrauch der Edelsteinallegorese vom Christentum bis ins 18. Jahrhundert. Teil 1. München: Fink, 1977.

Wegner, Wolfgang. Albrecht, ein poeta doctus rerum naturae? Zu Umfang und Funktionalisierung naturkundlicher Realien im ‚Jüngeren Titurel‘. Frankfurt a.M. [u.a.]: Lang, 1996.

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‚Parzival‘-Rezeption in der Neuzeit: Belakane, die Heidenkönigin

Rassismus und Religion –

Die Figur Belakane

bei Wolfram von Eschenbach

und Auguste Lechner

Wolfram von Eschenbach

Wolfram von Eschenbach (Photo credit: Wikipedia)

Diesen Essay habe ich einmal im Kontext eines ‚Parzival‚-Seminars verfasst. Wir beschäftigten uns unter anderem mit der Rezeption eines der beliebtesten – und komplexesten – Werks des Mittelalters. Wolfram von Eschenbach ist ein wahnsinnig interessanter Dichter; die Metaebenen, die sich bei genauerer Analyse der Texte öffnen, bereiten sowohl Kopfschmerzen als auch Erstaunen.

Auguste Lechner wiederum ist eine Jugendbuchautorin, die viele mittelalterliche Werke „erneut“ hat, allerdings mit erheblichen Umdeutungen. Um eine solche soll es hier auch gehen. Dieser Essay betrachtet kritisch einige von diesen ‚Umdeutungen‘ am Beispiel der Königin Belakane in ihrem Jugendroman „Parzival – Auf der Suche nach der Gralsburg“ und vergleicht sie mit der Figur aus den Gahmuret-Büchern des ‚Parzival‘ Wolframs von Eschenbach.

Auguste Lechner, 1905 in Innsbruck geboren und ebendort 2000 verstorben, schrieb zunächst eine Reihe von Volkserzählungen, die in Kalendern und Zeitschriften u. a. im Tyrolia-Verlag veröffentlicht wurden, dessen Verlagsleiter Hermann Lechner sie 1927 heiratete.1 Ihre erste Veröffentlichung 1936 lässt sich in den sog. „Jungadlerheften“ finden und trägt den Titel „In Laurins Zauberreich. Die alte Sage nach der Spielmannsmäre des Mittelalters erzählt.“2 Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte sie sich dem Jugendbuch zu und fasste mittelalterliche und antike Epen neu in Prosa.3 Die nächste Publikation erfolgt erst wieder nach dem Krieg 1951 mit den „Nibelungen.“ Für ihren Parzival-Roman (ursprünglicher Titel „Das Licht auf Monsalvat“) von 1956 wurde sie im gleichen Jahr mit dem Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.

Lechner hat in vielen Fällen massive Kürzungen und Umdeutungen an den Werken vorgenommen, „um sie dem Verständnis und der Fassungskraft der Kinder anzupassen.“4 „Der Hiatus zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die Alterität vergangener Zeiten“5 scheint hier „zugunsten global kompatibler Konflikte und Problemstellungen aufgehoben.“6

In Besprechungen von Lechners Büchern wird immer wieder hervorgehoben, dass den Jugendlichen mit der Nacherzählung der Heldenlieder ein Stück Geschichte nahegebracht werde. Gerade das ist jedoch nur in eingeschränktem Maße der Fall. Ort und Zeit des Geschehens bleiben im Dunkeln ebenso wie häufig verwendete Begriffe aus der höfischen Welt (Minne, Sitte, Ehre), die in ihrer historischen Bedeutung kaum erklärt werden.7

Bei Wolfram ist Königin Belakane als komplexe Gestalt angelegt. In ihrer Darstellung „erscheinen religiöse, ästhetische und erotische Motive raffiniert ineinander verwoben.“8 Ihre dunkle Hautfarbe wird als sexuell attraktiv beschrieben (vgl. Hohelied)9 und auch in Beischlafszenen thematisiert.

dô phlac diu küneginne

einer werden süezer minne,

und Gahmuret ir herzen trût.

ungelich was doch ir zweier hût. (44,27-30)10

Der Erzähler verkehrt die üblichen Schönheitstopoi ins Gegenteil:

ist iht liehters denne der tac,

dem glîchet nicht diu künegin.

si hete wîplîchen sin,

und was abr anders rîterlîch,

der touwegen rose ungelîch

nâch swarzer varwe was ir schîn, (24,6-11)

Es ist schon klar, dass der Vergleich mit einer tauenden Rose hier nicht greift (vgl. 24,10), der Erzähler beschreibt jedoch ihren schîn (24,11) als eine zwar fremdartige, aber aufregende Schönheit.11 Die Schönheit ist übrigens das einzige positive Element, das Lechner übernimmt.

Ferner ist Belakane eine vorbildliche Gastgeberin, von sanftem und ‚weiblichem‘ Gemüt. Sie wirkt ein wenig verschämt, ist noch Jungfrau und besitzt zudem eine Eigenschaft, die dem Liebesideal Wolframs im zweiten Minneexkurs entspricht: triwe (57,14). Kurzum: „Belakane hat alle Sympathien“.12 Verweise auf ihre Andersartigkeit finden sich häufiger. Verglichen mit ihrem Aussehen thematisiert Wolfram die Religion jedoch weit weniger. „Hautfarbe und Religion sind für Wolfram etwas verschiedenes.“13Wolfram hat Belakane „innerlich ‚weiß‘ gemacht.“14

CPG339i Belakane bewirtet Gahmuret und dessen Gefolge
Illustration aus der Werkstatt des Diebold Lauber
Interessanterweise ist Belacane auch in der Darstellung der Lauber-Werkstatt weiß gezeichnet worden.

Gahmureten dûhte sân,

swie si wære ein heidenin,

mit triwen wîplîcher sin

in wîbes herze nie geslouf.

ir kiusche was ein reiner touf,

und ouch der regen sie begôz,

der wâc von ir ougen floz

ûf ir zobel und an ir brust. (28,10-17)

Sie ist so edel, dass ihre Tränen um Isenhart sie auszeichnen – und sogar in die christliche Weltordnung einreihen.

Belakanes Reinheit und der Strom ihrer Tränen haben die Macht der Taufe – ein großer und kühner Gedanke Wolframs – aber das betrifft letztendlich ihre Religion – und die bedeutet für Gahmuret sowieso keine große Barriere.“15

Als die mit Feirefiz schwangere Königin von Gahmuret verlassen wird, ist ihr Schicksal besiegelt. Sie liebt Gahmuret so sehr, dass sie nach seinem Weggang den Liebestod stirbt, ähnlich wie Herzeloyde und Sigune.16 Als Erklärung, warum Wolfram Belakane als „Negerin“17 konzipiert hat, bietet Ebenbauer eine Verbindung zur Schuldfrage Gahmurets an: „Würde seine Schuld nicht ungleich schwerer wiegen, wenn die von ihm verlassene Gattin eine weiße (und eine christliche) Fürstin wäre?“18 Der „Reiz der Andersartigkeit“19 könne „dahingehend umschlagen […] , dass die Mohre nicht für voll genommen werden.“20 Insofern fänden sich trotz der Veredelung Belakanes auch bei Wolfram Ansätze von rassistischen Ressentiments, vermutet Ebenbauer.21

Bei Wolfram gibt Gahmuret als vorgeschobenen Grund für seine ‚Flucht‘ die Religionsunterschiede an, jedoch seine eigentlicher Beweggrund ist seine Unrast, seine Sehnsucht nach Ritterschaft, die seine ehrliche Liebe zu Belakane übertönt.

daz er nicht rîterschefte vant,

des war sîn freude sorgen phant.

doch was im daz swarze wîp

lieber dan sîn selbes lîp.

ez enwart nie wîp geschicket baz:

der frouwen herze nie vergaz,

im enfüere ein werdiu volge mite,

an rehter kiusche wîplich site. (54,19-26)

 

Ganz anders bei Lechner. Explizit wird über Religion als Beweggrund Gahmurets für seine Heimfahrt gesprochen: „Ich muss endlich wieder ehrliche Christenmenschen sehen, statt der ganzen elenden Heidenschaft!“ (S. 9).22 Die Figur Belakane ist von Anfang an negativ konnotiert. Belakane ist „finster“ (S. 16) und eine „Sarazenenfürstin“ (S. 17). Letzter ist übrigens falsch: Zazamanc, das Reich der Königin bei Wolfram, ist wahrscheinlich in Afrika zu verorten, „wenn Wolfram auch als Hauptstadt dazu die indische Stadt Patelamunt einsetzt.“23 Wolframs Orientkenntnisse stammen wohl aus unterschiedlichen Quellen wie z. B. Chroniken oder Reiseberichten und allgemein diffusem Wissen, so dass es oft zu Vermischungen kommt.24 Lechner hingegen verlagert das Geschehen nach Hispanien und macht aus Belakane eine Maurenkönigin.

Der Tod Isenharts wird als böswillig herbeigeführt dargestellt. Belakane beteuert ihre Unschuld (vgl. 17f.), ohne zu trauern. Sie mutmaßt bei Lechner, dass Gahmuret ihr aufgrund seiner Religion nicht helfen wird: „’Er wird nicht für mich kämpfen wollen, weil er ein Christ ist‘, sagte sie finster.“ (S. 17). Bei Wolfram wird die Hautfarbe von Belakane eher als hindernd empfunden als die Religion, und sie macht sich Sorgen: er ist anders als wir gevar / owî wan tæte im daz niht wê! (22,8-9). Das Minnerittertum wird bei Lechner so verfremdet, als nutze Belakane Gahmuret lediglich als einen weiteren Diener, wie Isenhart, aus. Erst auf den Rat Lachfilirosts hin überlegt sie sich, dass er durch seinen Eid gezwungen sei, ihr zu helfen (vgl. S. 16). Lachfilirost wird übrigens zum Zwerg degradiert: „Eigentlich war es eher ein Zwerg, und auf seinen hohen Schultern saß ein viel zu großer Kopf.“ (S. 15).

Belakane wird als böswillige Verführerin beschrieben. Während der ersten Begnung, in der sie Gahmuret mit „schwarzen Samtaugen“ (S. 18) bezirzt, (die übrigens keine Tränen vergießen wie bei Wolfram) wird gesagt: „Ein sonderbarer Ausdruck glitt über ihr Gesicht, fast wie Spott […]“ (S. 18). Sie wird als „gefährlich“ bezeichnet (S. 15) und misshandelt ihre Bediensteten; z. B. droht sie, Lachfilirost zu köpfen, schlägt ihre Mägde (nirgends bei Wolfram zu finden, Belakanes Hof ist vorbildlich höfisch) und lügt auch noch: So wird ihre Entscheidung, Gahmuret zu ehelichen, als spontaner Beschluss dargestellt.

Und plötzlich fügte sie hinzu: „Ich habe einen Eid geschworen, den Ritter, der mich von meinen Feinden befreit, zum Gemahl zu nehmen!“

Belakane log: denn sie hatte es erst in diesem Augenblick beschlossen, weil ihr der junge Frankenritter gefiel. (S. 18)

Ihre Schönheit blendet den jungen Gahmuret, und sie heiraten nach seinem Sieg, trotz Einwänden von Gahmurets Kapellan (S. 25).

Religiöse Probleme sind in den beiden Werken vollkommen unterschiedlich akzentuiert. Bei Wolfram wird, abgesehen von der Verchristlichung durch die ‚Tränentaufe‘, mehrmals hervorgehoben, dass Belakane überhaupt kein Problem damit habe, sich taufen zu lassen.

frouwe, wiltu toufen dich,

du maht noch erwerben mich.‘

Des engerte se keinen wandel niht.

‚owê wie balde das geschiht!

wil er wider wenden,

schiere sol ichs enden. (56,25-30)

Sie wird übrigens auch von Gahmuret bei Wolfram nicht ein einziges Mal darum gebeten. Das Thema taucht überraschend im Abschiedsbrief Gahmurets auf. Lechner arbeitet dieses Element jedoch aus. Sie zeichnet die Figur als widerwillig, Christin zu werden, während Gahmuret auf einer Taufe besteht.

Wenn er zu Belakane davon redete, daß sie doch den Christenglauben annehmen möge, schüttelte sie den Kopf, und ihre weiche Stimme sagte: „Nein, mein Gemahl, darum sollst du mich nicht bitten!“ Und er wusste, daß es vergebens war.“ (S. 26)

Gahmurets Abschiedsbrief gibt bei Lechner genau die gegenteilige Begründung für den Weggang.

Sie wusste es, noch ehe sie Gahmurets Brief fand.

In diesem Briefe aber stand: „Ich bitte dich, mir zu verzeihen. Aber ich muß fort. Ich werde immer wieder fort müssen: Gott weiß, warum ich so unsteten Wesens bin. Wenn ich kann, will ich eines Tages zurückkehren.“

Belakane tobte, schrie und weinte und versetzte das Ganze Ingesinde vom Marschalk bis zum Stallbuben in Angst und Schrecken. Sie zerriß die seidenen Polster und schlug die Mägde, denn in ihrer Art lag die Wildheit ihres dunkelhäutigen Volkes. (S. 27)

Erzählerkommentar und Figurenkommentar drehen sich um: Bei Wolfram ist es die Figur Gahmuret, die sich selbst in die Bredouille lügt und Belakane unter fadenscheinigen Vorwänden verlässt. Zwei Gründe werden angegeben: Die Verschiedenheit der Religion (im Brief durch Gahmuret) und die Beeinträchtigung des Rittertums (durch den Erzähler).25 Seine unstæte und seine rîterschaft zwingen ihn zum Weiterziehen, doch dies gibt er erst viel später in Kanvoleiz selber zu. Der Erzähler enthält sich wertender Kommentare über Gahmurets Verhalten.

Bei Lechner hingegen wandert das Urteil über Belakane in den Erzählerkommentar. In Lechners Abschiedsbrief gibt Gahmuret die Ritterschaft als Grund an, die Religionsdifferenz hingegen wird über die Figurencharakterisierung Belakanes als willkürliche, heidnische Wüterin im Erzählerkommentar als Grund angeführt, neben der „Wildheit ihres dunkelhäutigen Volkes“ (S. 27). „Diese vereinfachende Schwarzweißmalerei, die alle Bücher kennzeichnet, bietet gerade den jugendlichen Lesern ideale Identifikationsmöglichkeiten: die blonden, hellen, starken und schönen Menschen sind gut, die dunklen sind schlecht und böse.“26

Natürlich sind Wolframs Figuren so komplex, so ambivalent und vielschichtig, dass es ein unmögliches Unterfangen scheint, diese in einem Kinder- und Jugendbuch so zu präsentieren, dass man ihnen vollständig gerecht wird. Reduktionen oder Kürzungen scheinen angebracht, ja sogar notwendig. Jedoch will nicht einleuchten, warum diese „große, edle Gestalt“27 der Königin Belakane derart verunglimpft wird und man auf diese Weise eben noch ein paar religiöse und rassistische Ressentiments ins Kinder- oder ins Klassenzimmer transportiert, wo Lechner-Bücher übrigens heute noch zur Unterrichtsgestaltung herangezogen werden.

Lechners Belakane stirbt übrigens kurz nach der Geburt Feirefiz‘ an einem Fieber (vgl. S. 27) und nicht den Liebestod.

Primärtexte

Wolfram von Eschenbach. Parzival. Text und Übersetzung. Studienausgabe. Übersetzung von Peter Knecht mit Einführungen von Bernd Schirok. De Gruyter: Berlin, 2003.

Auguste Lechner. Parzival. Auf der Suche nach der Gralsburg. 11. Aufl. Würzburg: Arena, 1994 (1353).

Sekundärliteratur.

Bumke, Joachim. Wolfram von Eschenbach. 8. Auflage, Metzler: Stuttgart, 2004 (36).

Ebenbauer, Alfred. Es gibt ain mörynne vil dick susse mynne. Belakane und ihre Landsleute in der deutschen Literatur des Mittelalters. In: ZdfA 113 (1984). S. 16-42.

Holzner, Johann. Auguste Lechner (1905-2000). Zum 100. Geburtstag. In: Lexikon Literatur in Tirol. http://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=20090202:21:0::NO::P21_ID:65 Letzter Zugriff am 14.02.2012.

Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Ein Handbuch. Hg. von Günter Lange [u.a.]. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2001.

Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon; Autoren, Illustratoren, Verlage, Begriffe. Hg. Kurt Franz [u. a.]. Meitingen: Korian-Verlag, 1995.

Kunitzsch, Paul. Erneut: Der Orient in Wolframs ‚Parzival‘. In: ZdfA 113 (1984). S. 79-110.

Riccabona, Christine / Unterkircher, Anton. Auguste Lechner. In: Lexikon Literatur in Tirol. http://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=tll:2:0::NO::P2_ID:410 Letzter Zugriff am 14.02.2012.

1Riccabona, Christine / Unterkircher, Anton. Auguste Lechner. In: Lexikon Literatur in Tirol. http://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=tll:2:0::NO::P2_ID:410 Letzter Zugriff am 14.02.2012.

2Vgl. Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon; Autoren, Illustratoren, Verlage, Begriffe. Hg. Kurt Franz [u. a.]. Meitingen: Korian-Verlag, 1995. S. 326. Veröffentlicht von der Arb.-Gemeinschaft Jung-Österreich [u.a.] 1936 (Die Jungadlerhefte 6)

3Vgl. Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon, 1995. S. 326.

4Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon, 1995. S. 327.

5Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Ein Handbuch. Hg. von Günter Lange [u.a.]. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2001. S. 286.

6Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart, 2001. S. 286.

7Riccabona / Unterkircher. http://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=20090202:21:0::NO::P21_ID:65 Letzter Zugriff am 14.02.2012.

8Ebenbauer, Alfred. Es gibt ain mörynne vil dick susse mynne. Belakane und ihre Landsleute in der deutschen Literatur des Mittelalters. In: ZdfA 113 (1984). S. 16-42. S. 19.

9Vgl. Ebenbauer, 1984. S. 18.

10Zitiert nach Wolfram von Eschenbach. Parzival. Text und Übersetzung. Studienausgabe. Übersetzung von Peter Knecht mit Einführungen von Bernd Schirok. De Gruyter: Berlin, 2003.

11Vgl. Ebenbauer, 1984. S. 18.

12Ebenbauer, 1984. S. 20.

13Ebenbauer, 1984. S. 26.

14Ebenbauer, 1984. S. 30.

15Ebenbauer, 1984. S. 18.

16 Vgl. Bumke, Joachim. Wolfram von Eschenbach. 8. Auflage, Metzler: Stuttgart, 2004 (36). S. 160.

17Ebenbauer, 1984. S. 17.

18Ebenbauer, 1984. S. 30.

19Ibid.

20Ibid.

21Vgl. Ebenbauer, 1984. S. 21.

22Zitiert nach Auguste Lechner. Parzival. Auf der Suche nach der Gralsburg. 11. Aufl. Würzburg: Arena, 1994 (1353).

23Kunitzsch, Paul. Erneut: Der Orient in Wolframs ‚Parzival‘. In: ZdfA 113 (1984). S. 79-110. S. 91.

24Vgl. Kunitzsch, 1984. S. 81.

25Vgl. Ebenbauer, 1984. S. 21.

26Riccabona / Unterkircher. http://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=20090202:21:0::NO::P21_ID:65 Letzter Zugriff am 14.02.2012.

27Ebenbauer, 1984. S. 19.

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Luthers Septembertestament unter kunsthistorischen Gesichtspunkten

Als Kontrapunkt zu den Stundenbüchern des Duc du Berry möchte ich Euch meinen Artikel über Luthers Septembertestament vorstellen:

Das so genannte Septembertestament ist im September des Jahres 1522 erschienen. Es enthält Martin Luthers deutsche Übersetzung des Neuen Testaments aus den Vorlagen der lateinischen Vulgata und der kritischen Edition des griechischen Urtextes, die Erasmus von Rotterdam 1516 unter dem Titel Novum Instrumentum Omne herausgegeben hatte. Bei Luthers Translation handelt es sich nicht um die erste gedruckte Bibel in deutscher Sprache, aber um das erste relativ preisgünstige und in einheitlicher Form erhältliche Neue Testament. Ebenfalls gedruckte Vorläufer, die aus dem lateinischen Vulgata-Text eher wörtlich und damit häufig unverständlich übersetzt wurden, sind z.B. 1466 in Straßburg von Mentelin oder im oberdeutschen Raum 1475 in Augsburg von Günther Zainer sowie ebenda 1483 von Koberger herausgegeben worden. Als niederrheinische Ausgabe erschien 1478/79 die so genannte Kölner Bibel.

Das Septembertestament enthält nur wenige Illustrationen und ist nicht farbig, sondern schwarz/weiß gedruckt. Weitere sichtbare Auffälligkeiten befinden sich schon auf dem Titelblatt:

Deckblatt Das Newe Testament Deutzsch, kalligraphischer Holzschnitt-Titel
Melchior Lotter d.J., Wittenberg, Sept. 1522, Faksimile-Ausgabe, Deutsches Bibel Archiv Hamburg.

 

Es ist nur der Schriftzug Das Newe Testament Deutzsch in der so genannten kalligraphischen Fraktur aus Holzschnittlettern sowie die typografisch gesetzte Ortsangabe Wittenberg zu lesen.

Dies ist im Vergleich z.B. zur kolorierten Vollausgabe, die 1534 folgte, unüblich, denn auf dem Deckblatt des Septembertestaments fehlen sowohl die Angabe des Verfassers bzw. Herausgebers, des Förderers, der Name des Druckers oder der Druckerei als auch eine Datumsangabe.

Deckblatt Vollbibel, Holzschnitt mit Typographie,
Hans Lufft, 1534.

Dem Deckblatt folgt eine Vorrede. Diese Tradition findet sich auch in anderen Luther-Bibel-Ausgaben, z.B. in der o.g. Vollbibel. Die Vorrede ist hier für die Interpretation von Schriftbild und Blocksatz besonders erhellend und bedeutsam: Luther distanziert sich in ihr von anderen Bibelauslegungen. Er hält eine Vorrede für notwendig, um Klarheit beim „einfältigen Mann“ darüber zu schaffen, dass im Neuen Testament das Evangelium und die Verheißung Gottes zu finden sind und nicht – wie im Alten Testament  – Gebot und Gesetz. Er macht außerdem sehr deutlich, dass es seiner Meinung nach nicht vier Evangelien sind, sondern „ein Evangelion“ und dementsprechend nur „ein Buch des NT“, sowie es einen Glauben und einen Gott gibt. Er übersetzt das Wort Evangelion mit „gute Botschaft, gute Mär“ und interpretiert dies wiederum als das wahre Erbe Christi, dessen Worte deshalb als Predigt und nicht als Gesetz anzusehen sind.

Dieser Vorrede folgt noch eine weitere, bei der es sich um eine Erklärung Luthers handelt, welches die „rechten und edelsten Bücher des NT“ sind: Und zwar sind es diejenigen, in denen nicht die Wundertaten Jesu beschrieben, sondern in denen seine Worte verkündet werden. Explizit benennt er das Johannes-Evangelium, den Paulus-Brief an die Römer sowie den ersten der Petrus-Briefe und empfiehlt diese zur Versenkung.

Die Vorrede erstreckt sich einkolumnig über mehrere Seiten und endet schließlich, ebenso wie die folgende Anweisung, kunstvoll durch symetrisches Einziehen der Zeilenbreiten in einer dreieckigen Keilform, der Spitzkolumne, die hier gespiegelt wird und daher in der sogenannten Becherform erscheint. Dabei ist die Satzanordnung durch die Schmuckabsicht bestimmt.

Die letzten beiden Seiten der Vorrede, Septembertestament 1522

Die Schrift oder Schrifttype, in der das Septembertestament gedruckt ist, heißt Schwabacher. Sie entsteht zu der Zeit Luthers um das Jahr 1500 herum. Bei ihr handelt es sich um die erste rein deutsche Schrift. Sie ist ausschließlich als Druckschrift entwickelt, trägt aber typisch handschriftlichen Charakter. Sie beinhaltet Merkmale der Textur und der spätgotischen Kursiven und gehört zu den so genannten gebrochenen Schriften. Die Bezeichnung gebrochen rührt daher, dass der Schwung, mit dem die Rundung des jeweiligen Buchstaben hergestellt wird, teilweise mehrfach gebrochen ist. Ihr Merkmal ist dementsprechend die starke Rundung der Buchstaben, ihre Wirkung dadurch kräftiger und breiter als die der ungefähr gleichzeitig entstehenden Frakturschrift.

Die Einspaltigkeit des Textes ist ein Bruch mit der bisherigen Tradition, denn die oben erwähnten Bibeldrucke von 1466, 1475 und 1483 sind jeweils zweispaltig gedruckt worden.

An die Vorrede schließt sich das Inhaltsverzeichnis an, darauf folgen die Evangelien.

Das Inhaltsverzeichnis ist für den heutigen Leser unüblich auf die linke Seite gesetzt. Es fehlen Seitenangaben, da auf den einzelnen Buchseiten ebenfalls keine angegeben sind.

Auf der rechten Seite beginnt anschließend das Buch des Matthäus-Evangelion. Jedes der Evangelien-Bücher ist optisch ähnlich angelegt. Das Grundprinzip ist bei allen dasselbe: Unter der abgesetzten Überschrift ist eine Miniatur abgebildet. In dieser ist der Initialkörper um oder neben dem jeweiligen Apostel dargestellt.

Initialen, Holzschnitt, Septemberausgabe 1522

Als Übersicht sind oben in einer Zusammenstellung die folgenden Personen von links oben nach rechts unten abgebildet: Markus mit dem Löwen (3), Lukas mit dem Stier (4), Johannes mit dem Adler (5), die Miniaturen zur Apostelgeschichte des Lukas (6), des Paulus (7) und des Petrus (8).

Abweichend von der Darstellung des Matthäus, Markus und Lukas, die jeweils mit ihnen zugeordneten Symbolen in einem Raum an einem Schreibpult sitzend gezeigt werden, befindet sich Johannes als einziger der Evangelisten unter freiem Himmel.

Am Textbild des Septembertestaments bzw. des Evangelions ist als auffälliges Merkmal zu erkennen, dass der Text als Block in eine Kolumne gesetzt ist, während z.B. die Gutenberg-Bibel noch in zwei Kolumnen und in gotischer Schrift erscheint. Als weitere Besonderheiten können beobachtet werden:

Einerseits sind Luthers Kommentare oder Scholien in den äußeren Marginalspalten (also am äußeren Rand) als Erklärungen und Ergänzungen der Perikopen bzw. zur Verwendung für Predigten angeordnet. Seine Verweise auf Parallelstellen befinden sich dagegen in den inneren Marginalspalten.

Die Kapitelunterteilung wird durch die vergrößerten Initialen hervorgehoben.

Eine Interpunktion fehlt innerhalb der Absätze, ist aber durch Schrägstriche ersetzt worden. Absätze, deren Enden durch Punkte markiert sind, werden zusätzlich durch Leerzeilen voneinander getrennt.

    Beispielseite Septembertestament 1522.

Die Wirkung der einspaltigen Schrifblöcke bzw. Versalien wird durch die verwendete Schwabach-Druckschrift verstärkt: Die Übersichtlichkeit wird durch die rundlichen Buchstaben, durch ihre variierende Größe – also: Überschriften sehr groß, Kolumnentext mittelgroß, Scholien und Verweise klein – sowie durch die Leerzeilen zwischen den Textabschnitten unterstützt. Der Text als Ganzes wirkt lesbar und verständlich und scheint dadurch auch dem ungeübten Leser bzw. dem Laien als bezwingbares Wort Gottes.

Während in vorigen Bibeln die Bibeltexte eher unüberschaubar angeordnet und daher schwer lesbar oder als kunstvoller Buchstabenteppich um eingebettete Illustrationen arrangiert sind, wird hier das Augenmerk und so der Fokus des Lesers auf das Wort gerichtet. Es steht im Mittelpunkt, ist deutlich erkennbar und kann wahrgenommen werden, passend zu den einleitenden Worten Luthers in seiner Vorrede. So harmoniert diese Darstellung zum einen mit dem Schwerpunkt, den Luther in seiner Auslegung auf das Wort als wichtigeren Bestandteil der Überlieferung legt als auch mit seinem Vorhaben, dem „eynfelltigen man“ die Worte der Bibel näher zu bringen und die Versenkung in den Text zu fördern.

Literaturverzeichnis:

Frutiger, Adrian: Der Mensch und seine Zeichen. Schriften, Symbole, Signete, Signale. Paris, 2. erweiterte und  verbesserte Auflage 1989.

Kirschbaum, Engelbert SJ (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie, Band 1, Rom u.a. 1994.

Krause, Gerhard/Müller, Gerhard (Hg.): Theologische Realenzyklopädie, Band VI, Berlin/New York 1980.

Lexikon des Mittelalters online: Lexikon des Mittelalters, 10 vols (Stuttgart: Metzler, [1977]-1999), vol. 8, cols 135-137, in Brepolis Medieval Encyclopaedias – Lexikon des Mittelalters Online).

Luther, Martin: Das Newe Testament Deutzsch. Faksimile-Ausgabe nach dem Original von 1522, Deutsches Bibel Archiv Hamburg.

Müller, Gerhard (Hg.): Theologische Realenzyklopädie, Band XXI, Berlin/New York, 1991.

Perrig, Alexander: Albrecht Dürer oder die Heimlichkeit der deutschen Ketzerei. Weinheim 1987.

Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte, hg. von Otto Schmitt, Bd. I ff., Stuttgart [von Bd. VI an: München] 1937 ff.

Roettig, Petra: Zeichen und Wunder. Weissagungen um 1500. Hamburger Kunsthalle 2000.

Stiebner, Erhardt/Leonhard, Walter: Bruckmann‘s Handbuch der Schrift, München 1977.

Stiebner, Erhardt D. (Hg.): Initialen und Bildbuchstaben, München 1983.

Volz, Hans: Martin Luthers deutsche Bibel. Entstehung und Geschichte der Lutherbibel. Hamburg 1978.


Rolands Tod: Märtyrer par excellence

Das ‚Rolandslied‘ des Pfaffen Konrad (um 1170) ist die geschlossenste mittelhochdeutsche Darstellung der Kreuzzugsideologie im 12. Jahrhundert, dessen historischer Kern die Vernichtung einer Nachhut des Heers Karls des Großen beim Kriegszug gegen das islamische Spanien 778 ist. Roland, der in der Erzählung der Neffe Karls des Großen ist, bleibt durch eine List des Heidenkönigs Marsilie und des Verräters Genelun mit seinen Paladinen in Spanien, nachdem Karl die vermeintlich konvertierten Heiden verlassen hat. Bei Runzeval (Ronceval) wird Rolands gesamtes Heer von den zahlenmäßig weit überlegenen Heiden aufgerieben.

Um die Mentalität der Kreuzzüge zur verstehen, sollte man den Begriff militia dei kennen. Man unterschied zwischen militia dei / militia saecularis: Geistlicher und weltlicher Ritterschaft (vgl. Bumke S. 399ff.). Die geistlichen Ritter kämpfen für Gott und für das Reich Karls. So sind die Kämpfer im ‚Rolandslied‘ auch nicht an weltlichen Gütern interessiert und lassen die Schätze der eroberten Städte liegen.

Das Martyrium, das Sterben für Gott, versprach ewiges Leben.

„Seit nämlich der auferstandene Christus über den Tod triumphiert hat, ist der Tod in dieser Welt der wirkliche Tod, und der physische Tod bedeutet Zugang zum ewigen Leben. Deshalb ist der Christ verpflichtet, sich freudig den Tod zu wünschen, als eine Art Wiedergeburt.“. (Aries, S. 23 s.u.)

Wie genau stirbt Roland? Roland hat Zeit, seinen Tod vorzubereiten. Schwerverwundet sucht Roland die Leichen der anderen Paladine zusammen, klagt um seine toten Gefährten Olivier und Turpin. Er setzt sich unter einem Baum zwischen vier Marmorsteinen. Ein blutverschmierter Heide hat sich unter den Toten versteckt und versucht den todwunden Roland zu schlagen und ihm das Horn Olifant zu stehlen. Roland schlägt ihn mit dem Horn Olifant (→ Elefant → Elfenbeinhorn), das zerbricht. Hier eine Illustration aus dem  Codex Palatinus Germanicus 112, dessen Digitalisat übrigens online vollständig verfügbar ist.

Roland versucht danach, sein unzerstörbares Schwert Durendart zu zerstören, damit es den Heiden nicht in die Hände fällt. Die beiden Utensilien, das Schwert und das Kampfhorn, sind sicher als „Unterpfand des christlichen Sieges“ zu sehen (Bertemes, S.  117). Das Schwert wurde von einem Engel an Karl gegeben; darin befinden sich Reliquien (wahrscheinlich im Griff). Roland bittet Gott um Vergebung für seine Eroberungen im Dienste Karls und des Reiches. Er gibt seinen Auftrag und sein Leben wieder zurück zu Gott und an Karl (vgl. V. 6880ff).

 

   Roulant uiel in crucestal,
er sprach: „herre, nu waistu uil wal
daz dich min herce mainet:
dine tugent hastu an mír erzaiget.
an minem ende,
6900herre, dinen boten ruche mir zesenden!
nu gnade miner armin sele,
daz ir dehain boser gaist níne werre.
ich mane dich umbe minen herren
(gestatige in an dem rechtin,
6905uerdruche sine wider uechten,
daz sine uiante alle geligen,
unt er an in gesige
in dines namin mínne!)
unt umbe di suzen Karlinge,
6910unt ander sine untertane
di beuilhe ich zu dinen gnaden.
alle di in mit truwen mainen,
lebentige oder uerschaiden,
bestatige si in den Abrahames barn!“
6915er leite sich an sinen zesewin arm,
daz houbet er nider naicte,
di hende er uf spraite:
dem alwaltigen herre[n]
dem beualch er sine sele.
6920mit sent Michahele,
sente Gabriele,
sent Raphahele
frout er sich imer mere.

Do Roulant uon der werlt verschît,
6925uon himil wart ain michel liecht.
sa nach der wile
chom ain michel ertpibe,
doner unt himilzaichen
in den zwain richen,
6930ze Karlingen unt ze Yspania.
di winte huben sich da:
zi zeualten di urmaren stalboume,
daz liut ernerte sich chume.
si sahen uil diche
6935di uorchlichen himil bliche,
der liechte sunne derrelasc.
den haiden gebrast:
diu scheph in uersunchen,
in dem wazer si ertruncken.
6940der uil liechte tac
wart uinster sam diu nacht.
di turne zeuielen,
diu scone palas zegiengen.
di sternen offenten sich,
6945daz weter wart mislich:
si wolten alle wane
daz di wile ware
daz diu werlt uerenden solte,
unt got sin gerichte haben wolte.

Zitiert aus der Bibliotheca Augustana

Ein Engel nimmt Rolands rechten Handschuh entgegen. Der Handschuh ist im Mittelalter ein Symbol für einen Auftrag und ein Botenverhältnis: Der Bote bekommt immer den rechten Handschuh des Auftraggebers. Roland wirft sich in Kreuzstellung zu Boden und betet, dreht sich auf die rechte Seite und stirbt. Er kommt in den Himmel und ist bei den Erzengeln Michael, Gabriel und Raphael. Daraufhin geschehen Wunderzeichen: Blitz, Erdbeben, Himmelzeichen, Sonnenfinsternis, Stürme, Unwetter, Paläste und Türme stürzen ein, usw. (vgl. V. 6925f.) Acht Wunderzeichen sind eine christlich-literarische Tradition und treten z. B. beim Tod Jesu ein.

45 Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land.

46 Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

47 Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Er ruft nach Elija.

48 Sogleich lief einer von ihnen hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken.

49 Die anderen aber sagten: Lass doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft.

50 Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er den Geist aus.

51 Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich.

52 Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt.

53 Nach der Auferstehung Jesu verließen sie ihre Gräber, kamen in die Heilige Stadt und erschienen vielen.

54 Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!

Matthäus 27, 45-54

Auch bei Vergil verhält es sich ähnlich, nach Cäsars Tod bricht ein Vulkan aus, es gibt ein Erdbeben etc. Literarische Vorbilder für Rolands Tod sind also die Bibel und antikes Erzählen.  Es tritt kein plötzlicher Tod ein (mors repentina (Aries S. 19)), der im Mittelalter die schlimmste Todesart darstellt, da man nicht die Beichte abgelegt hat etc.,  sondern Roland hat Zeit zur Vorbereitung. Obwohl er stark verwundet ist, kann er seine weltlichen Dinge noch regeln (Trauer um Gefährten, Gebet und Beichte, Zerstörung Olifants und Durendarts, Abgabe des Handschuhs, Haltung: Kreuzstellung am Boden, Drehen auf die rechte Seite…).

Danach wird die Trauer Karls um Roland beschrieben und die Heiden bekommen seine Rache zu spüren. Ein Engel erscheint Karl und teilt ihm mit, dass alle Gefallenen jetzt Söhne des obersten Herren sind, also im Himmel sind, und dass Karl unter seinem Schutz steht, und seine Feinde besiegt werden sollen.

Roland stirbt also mit dem ganzen Pathos der christlichen und der antiken Tradition. Ariès beschreibt den Tod des Märtyrers folgendermaßen:

„Sie sterben durch aus nicht beliebig: der Tod wird von einem durch Brauch und Herkommen geregelten, verbindlich beschriebenen Ritual bestimmt. Der gewöhnliche, normale Tod fällt den Einzelnen nicht aus dem Hinterhalt an, selbst wenn er – etwa im Falle einer Verwundung – als tödlicher Unfall auftritt, […] Der entscheidende Zug ist der, dass er Zeit zur Vorahnung lässt.“ (Ariès S. 14)

Literaturangaben und weitere Lektüreempfehlungn

Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Hg. von Dieter Kartschoke. Stuttgart: Reclam, 1993.

Ariès, Philippe. Geschichte des Todes. München: Hanser, 1980.

Bertemes, Paul. Bild- und Textstruktur. Eine Analyse der Beziehungen von Illustrationszyklus und Text im Rolandslied des Pfaffen Konrad in der Handschrift P. Frankfurt a. M.: Fischer, 1984.

Bumke, Joachim. Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 11. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2005.

Brunner, Horst. Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Stuttgart: Reclam, 2010.

Nellmann, Eberhard. Pfaffe Konrad. In: 2VL 5 (1985), Sp. 115-131.


Drachendarstellungen in der Ikonographie

In der christlichen Ikonographie ist der Drache Attribut einiger Heiliger, u.a. der Heiligen Margareta von Antiochia, die zu den 14 Nothelfern gehört. In den Darstellungen befindet sich der Drache meist zu ihren Füßen und wird von ihr mit dem Kreuz bezwungen, da sie der Legende nach von ihm bedroht wurde und ihn mit Hilfe des Kreuzzeichens überwand. Der Drache symbolisiert hier einerseits das Dämonische, aber auch die Angst bzw. die heidnischen Ängste, die man nur als wahrer Christ mit Hilfe des Glaubens vertreiben und vernichten kann.

Etwas gewalttätiger sind die Abbildungen, in denen der Heilige Georg mit dem Drachen zu sehen ist: Das Motiv des heldenhaften Bezwingers wird dabei u.a. für einen dynamischeren Bildaufbau genutzt. Im Hintergrund ist teilweise die Königstochter zu sehen, die von Georg durch seinen Einsatz gerettet wird.

Technische Daten:

Maler:Rhin supérieur, Ende 15. Jh., Combat de saint Georges contre le dragon, H. : 0,38 m. ; L. : 0,27 m.
Dieses Gemälde wurde u.a. Hans Baldung Grien, Hinrich Funhof und dem Maître du Hausbuch zugeschrieben.

Und wegen den wirklich bizarren, offenbar von Hieronymus Bosch inspirierten Drachen- bzw. Tierdarstellungen noch ein Beispielgemälde des Heiligen Michael als Drachenbesieger:

Technische Daten: von Raffaello SANTI, bekannt als RAPHAEL (Urbino, 1483−Rome, 1520), Saint Michael Overwhelming the Demon, c. 1505, Öl auf Holz, H. 0.30 m; W. 0.26 m)

Die Darstellungen sollten vor allem Mut machen und den Menschen als Vorbild dienen, erzählen aber auch immer die Geschichte der jeweiligen Heiligen.


Die Belles Heures des Duc du Berry im Louvre

Die Stundenbücher des Duc du Berry aus dem 15. Jahrhundert sind weltweit bekannt und zu recht berühmt. Zur Zeit gibt es im Louvre einige Folianten zu bewundern. Sie befinden sich im 1. Stock des Mittelflügels in der ursprünglich geplanten, aber nie fertig gestellten Kapelle. Da die Miniaturen maximal DIN A4-Größe haben und aus restauratorischen Gründen nur sehr dezent beleuchtet werden dürfen, empfiehlt sich die Betrachtung mittels Vergrößerungsglas. Sie sind gut zugänglich auf Augenhöhe in einer langen Reihe entlang der Wände angebracht und wenn nicht gerade eine Reisegruppe den Raum betritt, lässt sich gut vor dem einen oder anderen Blatt verweilen, um alle wunderbaren Details wahrzunehmen.

Die anrührenden Motive sind den klösterlichen Zeiteinheiten der Gebetstunden (prima, secunda etc.) zugeordnet. So war es dem Betenden möglich, zur festgesetzten Zeit in kontemplativer Andacht vor den jeweiligen grazilen Zeichnungen zu versinken. Überraschend ist der Reichtum und die Vielfalt der feinen Ornamente, die jedes Blatt rahmen. Der mittige Platz ist entweder einem rechteckigen Bild vorbehalten oder wird von zwei Kolumnen ausgefüllt, die teilweise mit verzierten Inkunabeln oder zwei kleineren Grafiken den Text schmücken. Der Text beinhaltet Gebete, Heiligenlegenden und die Passion Christi.

Der sehr schwere (gefühlte 2 kg) Katalog zur Ausstellung ist nicht nur wunderschön, sondern auch sehr informativ und kostet 45,00 €.

Für Anhänger der Buchkunst lohnt es sich unbedingt, die Ausstellung zu besuchen, denn die Miniaturen werden nur sehr selten gezeigt und lassen sich von der Ausdruckskraft und Farbigkeit unbedingt mit Gemälden z.B. von Giotto vergleichen.

Besonders gefallen haben mir:

Fol. 15-20 Die Motive der Legende der Sainte Catherine

63 La Fuite en Egypt (Die Flucht nach Ägypten)

74 La Procession des Flagellantes

und natürlich noch einige mehr…


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