Archiv der Kategorie: „Heiden“

Vorstellungen von Muslimen in der abendländischen mittelalterlichen Literatur

Trotz der Faszination, die der Orient auf die Literatur des Mittelalters ausübte, war den Verfassern über seine Bewohner und ihre Religion nur sehr wenig bekannt. „Die christlichen Europäer hatten von der Religion jener Andersgläubigen keine rechte Vorstellung.“ (Müller, S. 31.) Dies gab Anlass zur Spekulation und reizte die abendländische Vorstellungskraft. (Vgl. Southern, 1981. S. 16.) „Nimmt man die volkssprachlichen Erzählwerke des hohen und späten Mittelalters als Zeugnisse für die landläufige Einschätzung der ‚heiden‘ in Adel und Stadtbürgertum, so zeigen diese ein ganz besonderes, von der Realität weit abweichendes Bild des Islam und der Muslime.“ (Müller, 2002. S. 32.)

Dies zeigt sich u. a. daran, dass die Muslime als Anhänger einer polytheistischen Religion galten, „die – wie die heidnischen Völker des alten Testaments – an ‚Abgötter‘ glaubten […]“, (Müller, 2002. S. 32.) welche u.a. als eine Mischung aus verschiedenen antiken Göttern beschrieben wurden. Dieses Bild vom muslimischen Glauben findet sich angefangen beim ‚Rolandslied‘ des Pfaffen Konrad in allen epischen Gedichten des Abendlandes wieder. Diese Werke stimmten darin überein, dass die Sarazenen Götzendiener seien und zählten ein „pittoreskes Gespann“ von mehr als dreißig Göttern. Der Name Mohammed war zwar bekannt, aber mischte sich mit den Vorstellungen der Götzendienerei, die aus Antikenromanen bekannt waren. Im ‚Rolandslied‘ verehren die Heiden beispielsweise drei Götter: Tervagant, Mohammed und Apollo. (Vgl. Southern, 1981 S. 27.)

Schweizerischer Nationalfonds. Bild des Monats Dezember 2008

Dies ist ein Beispiel dafür, wie wenig im mittelalterlichen Europa über die ‚Anderen‘ bekannt war. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, wenn den Heiden, die z.B. im ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach im Dienst der Minne stehen, weitgehend ein theologischer Begründungsrahmen fehlt (vgl. Kiening, 1991. S. 169.) und die Religion der Anderen im Unterschied zum Christentum zwangsläufig eine Leerstelle bleiben musste. Die Konstruktion des Unvertrauten erfolgt meist aus dem „vertrauten Eigenen“ (Goerlitz/ Haubrichs, S. 6.) heraus, denn wenn etwas Unbekanntes beschrieben wird, rekurriert man auf Bekanntes. „Unweigerlich formen die Menschen jene Welt, die sie nicht kennen, nach dem Vorbild der Welt, die sie kennen.“ (Southern, 1981. S. 27.)

 

Literatur:

Goerlitz, Uta / Haubrichs, Wolfgang. Einleitung. In: Intergration oder Desintegration? Heiden und Christen im Mittelalter. LiLi 156 (2009). S. 5-11.

Kiening, Christian. Reflexion – Narration. Wege zum ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach. Tübingen: Niemeyer, 1991.

Müller, Ulrich. Toleranz zwischen Christen und Muslimen im Mittelalter? Zur Archäologie der Beziehungen zwischen dem christlich-lateinischen Okzident und dem islamischen Orient. In: Studia Niemcoznawcze 23 (2002). S. 25-62.

Southern, Richard William. Das Islambild des Mittelalters. Stuttgart [u.a.]: Kohlhammer, 1981.

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Illustrierte Handschriften des ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach

Der ‚Willehalm‚ ist neben dem ‚Parzival‚ (ca. 80 Textzeugen) der am besten überlieferte Text der mhd. Erzählliteratur ,1 und auffallend häufig mit kostbaren Buchmalereien verziert.

1Greenfield, John / Miklautsch, Lydia. Der ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach. Eine Einführung. Berlin [u.a.]: de Gruyter, 1998. S. 274.

Es gibt vom ‚Willehalm‘ mehr als 70 Textzeugen; davon sind 12 vollständige Handschriften und 65 Fragmente. Oft findet man ihn im Überlieferungsverbund mit Ulrichs von Türlin ‚Arabel‘ („Vorgeschichte“) und Ulrichs von Türheim ‚Rennewart‘ („Weiterführung der Geschichte“). Dieser Überleiferungsnähe nennt sich „Zyklenbildung“; die Geschichte einer anderen Dichters wurde ergänzt bzw. fortgesetzt und bilden dann in der Überlieferund eine Einheit.

Repräsentativ für die ‚Willehalm‘-Handschriften sind die reich ausgestatteten, großformatigen bebilderten Codices, die im Auftrag fürstlicher Mäzene hergestellt worden sind. 1

Als Beispiel sind hier fünf Handschriften angeführt, die man allesamt im Handschriftencensus aufgeführt finden kann, teilweise mit Links zu Digitalisaten.  2

1Vgl. Bumke, Joachim. Wolfram von Eschenbach. In: Die deutsche Literatur der Mittelalters. Verfasserlexikon. Band 10. 2. Auflage. Hg. von Kurt Ruh [u.a.]. Berlin [u.a.]: DeGruyter, 1999. Sp. 1375-1418.

2 http://www.handschriftencensus.de

Wohl das älteste Fragment mit Illustrationen ist das sog. Fragment 17. Es handelt sich um ein paar Pergament-Blätter und -Reste, die etwa im 1. Viertel 13. Jh. (nach 1220) (Hillmann) oder im 3. Viertel 13. Jh. (70er Jahre?) (Schneider) entstanden sein könnten. Interessant ist die Anordnung der Bilder und des Textes: Es ist die einzige Bilderhs. des Epos, deren Bilder wie in Eike von Repgows ‚Sachsenspiegel‚ (Rechtsbuch) angeordnet sind. Beide Seiten vertikal gegliedert: 2/3 der Seite Bildleiste, 1/3 Text, der vertikal fast Satz für Satz illustriert (vgl. Bumke, VL, Sp. 1398).

Die Kasseler Handschrift Ka ist enstanden im Auftrag Heinrichs II. von Hessen. Besonderes Rezeptionsinteresse (laut Kleinschmidt) durch eine genealogische Legitimierung durch den heiligen Vorfahren Willehalm klingt „zumindest an“. Die Handschrift entstand 1334 und “ […] geplant war ein Zyklus von über 461 gerahmten Deckfarbenminiaturen, davon sind 62 fertiggestellt oder begonnen“ (VL) ; die  ‚Arabel‘ ist durchgehend illustriert, Platz für weitere Miniaturen wurde gelassen.

Die Handschrift W ist kostbar bebildert worden im Auftrag König Wenzel I. und wurde wahrscheinlich in der Nähe von Prag geschrieben. Dieser Prachtcodex ist ein wahnsinniger Klopper (fast so groß wie das Ambraser Heldenbuch, dass ich heute noch als Faksimile im Tutorium gezeigt habe) und misst 54 x 36 cm. Entstanden ist er 1387 und enthält 247 Miniaturen, abwechselnd blaue und goldene Initialen mit Verzierungen und Randleisten. Auf dem unteren Bild sehen wir ein Porträt Ulrichs von dem Türlin, der die oft mit dem ‚Willehalm‘ zusammen überlieferte ‚Arabel‘ schuf. Leider habe ich kein komplettes Digitalisat der Handschrift finden können.

Dieses andere Bild sollte ebenfalls einen Eindruck davon vermitteln, wie aufwendig diese Illustrationen waren (Initialen, Blattgold, etc.). Ich glaube, man sieht hier die Hochzeit Rennewarts und Alyzes?

Warum sind die Handschriften des  ‚Willehalm‘ so überdurchschnittlich gut illustriert? Ott und Greenfield stellen Vermutungen an: „es lag wohl an der historischen Thematik von Wolframs Dichtung, dass sie im Rezeptionsprozess […] in die Nähe gereimter Chroniken gerückt ist, die häufiger als erzählende Werke illustriert wurden.“ (Greenfield, S. 275)

Einerseits hängt es mit dem Repräsentationsanspruch der Gönner zusammen. Codices waren Identifikationsobjekte für adeliges Selbstverständnis im Allgemeinen. Da der ‚Willehalm‘ aber zudem eine sehr besondere Gattungsmischung ist, ein „Zwitter aus Staatsroman, Heiligenlegende und Fürstenspiegel“ (Ott, S. 100), sind die Gründe vll. in der Materie zu suchen. Der ‚Willehalm‘ steht u.a. im Cod. 857 im Überlieferungsverbund mit Karlsdichtung und Stoffkreis karolingischer Reichsgeschichte und somit auch in direkter Nachbarschaft zu (heils-)geschichtlicher Wahrheit. Die Ikonographie des Karl-/Roland-/Willehalm-Stoffes (auch als Monumentalkunst war nach außen repräsentativ, da den Texten ein „stoffimmanenter Appellcharakter“ inne war (vgl. Ott).  Der  literarische Stoff der Chanson de geste ist vielleicht mehr als andere „bewusst zur politischen Propaganda“ (Ott) benutzt worden und hatte verstärkte öffentliche Funktion, was auch die Ausstattung mit Prachtillustrationen nahelegen würde.

Es hat mir viel Freude bereitet, endlich einmal wieder etwas „konkretes“ mit Handschriften zu machen. Kann nur empfehlen, sich durch die Digitalisate zu klicken und eigenständig zu erkunden – viel Spaß!

Quellen:

http://www.handschriftencensus.de/

Bumke, Joachim. Wolfram von Eschenbach. In: Die deutsche Literatur der Mittelalters. Verfasserlexikon. Band 10. 2. Auflage. Hg. von Kurt Ruh [u.a.]. Berlin [u.a.]: DeGruyter, 1999. Sp. 1375-1418.

Greenfield, John / Miklautsch, Lydia. Der ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach. Eine Einführung. Berlin [u.a.]: de Gruyter, 1998.

Jakobi-Mirwald, Christine. Buchmalerei. Terminologie in der Kunstgeschichte. 3. Aufl. Berlin: Reminer, 2008.

Ott, Norbert H. Pictura docet. Zu Gebrauchssituation, Deutungsangebot und Appellcharakter ikonographischer Zeugnisse mittelalterlicher Literatur am Beispiel der Chanson de geste. In:

Gerhard Hahn, Hedda Ragotzky (Hgg.) Grundlagen des Verstehens mittelalterlicher Literatur. Literarische Texte und ihr historischer Erkenntniswert. Stuttgart: Kröner, 1992 (Kröners Studienbibliothek, Bd. 663). S. 187-212.

Ott-Meimberg, Marianne. Kreuzzugsepos oder Staatsroman? Strukturen adeliger Heilsversicherung im deutschen ‚Rolandslied‘. Zürich [u.a.]: Artemis-Verlag, 1980.

Schneider, Karin. Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten. Eine Einführung. 2. Aufl. Tübingen: Niemeyer, 2009.

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‚Parzival‘-Rezeption in der Neuzeit: Belakane, die Heidenkönigin

Rassismus und Religion –

Die Figur Belakane

bei Wolfram von Eschenbach

und Auguste Lechner

Wolfram von Eschenbach

Wolfram von Eschenbach (Photo credit: Wikipedia)

Diesen Essay habe ich einmal im Kontext eines ‚Parzival‚-Seminars verfasst. Wir beschäftigten uns unter anderem mit der Rezeption eines der beliebtesten – und komplexesten – Werks des Mittelalters. Wolfram von Eschenbach ist ein wahnsinnig interessanter Dichter; die Metaebenen, die sich bei genauerer Analyse der Texte öffnen, bereiten sowohl Kopfschmerzen als auch Erstaunen.

Auguste Lechner wiederum ist eine Jugendbuchautorin, die viele mittelalterliche Werke „erneut“ hat, allerdings mit erheblichen Umdeutungen. Um eine solche soll es hier auch gehen. Dieser Essay betrachtet kritisch einige von diesen ‚Umdeutungen‘ am Beispiel der Königin Belakane in ihrem Jugendroman „Parzival – Auf der Suche nach der Gralsburg“ und vergleicht sie mit der Figur aus den Gahmuret-Büchern des ‚Parzival‘ Wolframs von Eschenbach.

Auguste Lechner, 1905 in Innsbruck geboren und ebendort 2000 verstorben, schrieb zunächst eine Reihe von Volkserzählungen, die in Kalendern und Zeitschriften u. a. im Tyrolia-Verlag veröffentlicht wurden, dessen Verlagsleiter Hermann Lechner sie 1927 heiratete.1 Ihre erste Veröffentlichung 1936 lässt sich in den sog. „Jungadlerheften“ finden und trägt den Titel „In Laurins Zauberreich. Die alte Sage nach der Spielmannsmäre des Mittelalters erzählt.“2 Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte sie sich dem Jugendbuch zu und fasste mittelalterliche und antike Epen neu in Prosa.3 Die nächste Publikation erfolgt erst wieder nach dem Krieg 1951 mit den „Nibelungen.“ Für ihren Parzival-Roman (ursprünglicher Titel „Das Licht auf Monsalvat“) von 1956 wurde sie im gleichen Jahr mit dem Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.

Lechner hat in vielen Fällen massive Kürzungen und Umdeutungen an den Werken vorgenommen, „um sie dem Verständnis und der Fassungskraft der Kinder anzupassen.“4 „Der Hiatus zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die Alterität vergangener Zeiten“5 scheint hier „zugunsten global kompatibler Konflikte und Problemstellungen aufgehoben.“6

In Besprechungen von Lechners Büchern wird immer wieder hervorgehoben, dass den Jugendlichen mit der Nacherzählung der Heldenlieder ein Stück Geschichte nahegebracht werde. Gerade das ist jedoch nur in eingeschränktem Maße der Fall. Ort und Zeit des Geschehens bleiben im Dunkeln ebenso wie häufig verwendete Begriffe aus der höfischen Welt (Minne, Sitte, Ehre), die in ihrer historischen Bedeutung kaum erklärt werden.7

Bei Wolfram ist Königin Belakane als komplexe Gestalt angelegt. In ihrer Darstellung „erscheinen religiöse, ästhetische und erotische Motive raffiniert ineinander verwoben.“8 Ihre dunkle Hautfarbe wird als sexuell attraktiv beschrieben (vgl. Hohelied)9 und auch in Beischlafszenen thematisiert.

dô phlac diu küneginne

einer werden süezer minne,

und Gahmuret ir herzen trût.

ungelich was doch ir zweier hût. (44,27-30)10

Der Erzähler verkehrt die üblichen Schönheitstopoi ins Gegenteil:

ist iht liehters denne der tac,

dem glîchet nicht diu künegin.

si hete wîplîchen sin,

und was abr anders rîterlîch,

der touwegen rose ungelîch

nâch swarzer varwe was ir schîn, (24,6-11)

Es ist schon klar, dass der Vergleich mit einer tauenden Rose hier nicht greift (vgl. 24,10), der Erzähler beschreibt jedoch ihren schîn (24,11) als eine zwar fremdartige, aber aufregende Schönheit.11 Die Schönheit ist übrigens das einzige positive Element, das Lechner übernimmt.

Ferner ist Belakane eine vorbildliche Gastgeberin, von sanftem und ‚weiblichem‘ Gemüt. Sie wirkt ein wenig verschämt, ist noch Jungfrau und besitzt zudem eine Eigenschaft, die dem Liebesideal Wolframs im zweiten Minneexkurs entspricht: triwe (57,14). Kurzum: „Belakane hat alle Sympathien“.12 Verweise auf ihre Andersartigkeit finden sich häufiger. Verglichen mit ihrem Aussehen thematisiert Wolfram die Religion jedoch weit weniger. „Hautfarbe und Religion sind für Wolfram etwas verschiedenes.“13Wolfram hat Belakane „innerlich ‚weiß‘ gemacht.“14

CPG339i Belakane bewirtet Gahmuret und dessen Gefolge
Illustration aus der Werkstatt des Diebold Lauber
Interessanterweise ist Belacane auch in der Darstellung der Lauber-Werkstatt weiß gezeichnet worden.

Gahmureten dûhte sân,

swie si wære ein heidenin,

mit triwen wîplîcher sin

in wîbes herze nie geslouf.

ir kiusche was ein reiner touf,

und ouch der regen sie begôz,

der wâc von ir ougen floz

ûf ir zobel und an ir brust. (28,10-17)

Sie ist so edel, dass ihre Tränen um Isenhart sie auszeichnen – und sogar in die christliche Weltordnung einreihen.

Belakanes Reinheit und der Strom ihrer Tränen haben die Macht der Taufe – ein großer und kühner Gedanke Wolframs – aber das betrifft letztendlich ihre Religion – und die bedeutet für Gahmuret sowieso keine große Barriere.“15

Als die mit Feirefiz schwangere Königin von Gahmuret verlassen wird, ist ihr Schicksal besiegelt. Sie liebt Gahmuret so sehr, dass sie nach seinem Weggang den Liebestod stirbt, ähnlich wie Herzeloyde und Sigune.16 Als Erklärung, warum Wolfram Belakane als „Negerin“17 konzipiert hat, bietet Ebenbauer eine Verbindung zur Schuldfrage Gahmurets an: „Würde seine Schuld nicht ungleich schwerer wiegen, wenn die von ihm verlassene Gattin eine weiße (und eine christliche) Fürstin wäre?“18 Der „Reiz der Andersartigkeit“19 könne „dahingehend umschlagen […] , dass die Mohre nicht für voll genommen werden.“20 Insofern fänden sich trotz der Veredelung Belakanes auch bei Wolfram Ansätze von rassistischen Ressentiments, vermutet Ebenbauer.21

Bei Wolfram gibt Gahmuret als vorgeschobenen Grund für seine ‚Flucht‘ die Religionsunterschiede an, jedoch seine eigentlicher Beweggrund ist seine Unrast, seine Sehnsucht nach Ritterschaft, die seine ehrliche Liebe zu Belakane übertönt.

daz er nicht rîterschefte vant,

des war sîn freude sorgen phant.

doch was im daz swarze wîp

lieber dan sîn selbes lîp.

ez enwart nie wîp geschicket baz:

der frouwen herze nie vergaz,

im enfüere ein werdiu volge mite,

an rehter kiusche wîplich site. (54,19-26)

 

Ganz anders bei Lechner. Explizit wird über Religion als Beweggrund Gahmurets für seine Heimfahrt gesprochen: „Ich muss endlich wieder ehrliche Christenmenschen sehen, statt der ganzen elenden Heidenschaft!“ (S. 9).22 Die Figur Belakane ist von Anfang an negativ konnotiert. Belakane ist „finster“ (S. 16) und eine „Sarazenenfürstin“ (S. 17). Letzter ist übrigens falsch: Zazamanc, das Reich der Königin bei Wolfram, ist wahrscheinlich in Afrika zu verorten, „wenn Wolfram auch als Hauptstadt dazu die indische Stadt Patelamunt einsetzt.“23 Wolframs Orientkenntnisse stammen wohl aus unterschiedlichen Quellen wie z. B. Chroniken oder Reiseberichten und allgemein diffusem Wissen, so dass es oft zu Vermischungen kommt.24 Lechner hingegen verlagert das Geschehen nach Hispanien und macht aus Belakane eine Maurenkönigin.

Der Tod Isenharts wird als böswillig herbeigeführt dargestellt. Belakane beteuert ihre Unschuld (vgl. 17f.), ohne zu trauern. Sie mutmaßt bei Lechner, dass Gahmuret ihr aufgrund seiner Religion nicht helfen wird: „’Er wird nicht für mich kämpfen wollen, weil er ein Christ ist‘, sagte sie finster.“ (S. 17). Bei Wolfram wird die Hautfarbe von Belakane eher als hindernd empfunden als die Religion, und sie macht sich Sorgen: er ist anders als wir gevar / owî wan tæte im daz niht wê! (22,8-9). Das Minnerittertum wird bei Lechner so verfremdet, als nutze Belakane Gahmuret lediglich als einen weiteren Diener, wie Isenhart, aus. Erst auf den Rat Lachfilirosts hin überlegt sie sich, dass er durch seinen Eid gezwungen sei, ihr zu helfen (vgl. S. 16). Lachfilirost wird übrigens zum Zwerg degradiert: „Eigentlich war es eher ein Zwerg, und auf seinen hohen Schultern saß ein viel zu großer Kopf.“ (S. 15).

Belakane wird als böswillige Verführerin beschrieben. Während der ersten Begnung, in der sie Gahmuret mit „schwarzen Samtaugen“ (S. 18) bezirzt, (die übrigens keine Tränen vergießen wie bei Wolfram) wird gesagt: „Ein sonderbarer Ausdruck glitt über ihr Gesicht, fast wie Spott […]“ (S. 18). Sie wird als „gefährlich“ bezeichnet (S. 15) und misshandelt ihre Bediensteten; z. B. droht sie, Lachfilirost zu köpfen, schlägt ihre Mägde (nirgends bei Wolfram zu finden, Belakanes Hof ist vorbildlich höfisch) und lügt auch noch: So wird ihre Entscheidung, Gahmuret zu ehelichen, als spontaner Beschluss dargestellt.

Und plötzlich fügte sie hinzu: „Ich habe einen Eid geschworen, den Ritter, der mich von meinen Feinden befreit, zum Gemahl zu nehmen!“

Belakane log: denn sie hatte es erst in diesem Augenblick beschlossen, weil ihr der junge Frankenritter gefiel. (S. 18)

Ihre Schönheit blendet den jungen Gahmuret, und sie heiraten nach seinem Sieg, trotz Einwänden von Gahmurets Kapellan (S. 25).

Religiöse Probleme sind in den beiden Werken vollkommen unterschiedlich akzentuiert. Bei Wolfram wird, abgesehen von der Verchristlichung durch die ‚Tränentaufe‘, mehrmals hervorgehoben, dass Belakane überhaupt kein Problem damit habe, sich taufen zu lassen.

frouwe, wiltu toufen dich,

du maht noch erwerben mich.‘

Des engerte se keinen wandel niht.

‚owê wie balde das geschiht!

wil er wider wenden,

schiere sol ichs enden. (56,25-30)

Sie wird übrigens auch von Gahmuret bei Wolfram nicht ein einziges Mal darum gebeten. Das Thema taucht überraschend im Abschiedsbrief Gahmurets auf. Lechner arbeitet dieses Element jedoch aus. Sie zeichnet die Figur als widerwillig, Christin zu werden, während Gahmuret auf einer Taufe besteht.

Wenn er zu Belakane davon redete, daß sie doch den Christenglauben annehmen möge, schüttelte sie den Kopf, und ihre weiche Stimme sagte: „Nein, mein Gemahl, darum sollst du mich nicht bitten!“ Und er wusste, daß es vergebens war.“ (S. 26)

Gahmurets Abschiedsbrief gibt bei Lechner genau die gegenteilige Begründung für den Weggang.

Sie wusste es, noch ehe sie Gahmurets Brief fand.

In diesem Briefe aber stand: „Ich bitte dich, mir zu verzeihen. Aber ich muß fort. Ich werde immer wieder fort müssen: Gott weiß, warum ich so unsteten Wesens bin. Wenn ich kann, will ich eines Tages zurückkehren.“

Belakane tobte, schrie und weinte und versetzte das Ganze Ingesinde vom Marschalk bis zum Stallbuben in Angst und Schrecken. Sie zerriß die seidenen Polster und schlug die Mägde, denn in ihrer Art lag die Wildheit ihres dunkelhäutigen Volkes. (S. 27)

Erzählerkommentar und Figurenkommentar drehen sich um: Bei Wolfram ist es die Figur Gahmuret, die sich selbst in die Bredouille lügt und Belakane unter fadenscheinigen Vorwänden verlässt. Zwei Gründe werden angegeben: Die Verschiedenheit der Religion (im Brief durch Gahmuret) und die Beeinträchtigung des Rittertums (durch den Erzähler).25 Seine unstæte und seine rîterschaft zwingen ihn zum Weiterziehen, doch dies gibt er erst viel später in Kanvoleiz selber zu. Der Erzähler enthält sich wertender Kommentare über Gahmurets Verhalten.

Bei Lechner hingegen wandert das Urteil über Belakane in den Erzählerkommentar. In Lechners Abschiedsbrief gibt Gahmuret die Ritterschaft als Grund an, die Religionsdifferenz hingegen wird über die Figurencharakterisierung Belakanes als willkürliche, heidnische Wüterin im Erzählerkommentar als Grund angeführt, neben der „Wildheit ihres dunkelhäutigen Volkes“ (S. 27). „Diese vereinfachende Schwarzweißmalerei, die alle Bücher kennzeichnet, bietet gerade den jugendlichen Lesern ideale Identifikationsmöglichkeiten: die blonden, hellen, starken und schönen Menschen sind gut, die dunklen sind schlecht und böse.“26

Natürlich sind Wolframs Figuren so komplex, so ambivalent und vielschichtig, dass es ein unmögliches Unterfangen scheint, diese in einem Kinder- und Jugendbuch so zu präsentieren, dass man ihnen vollständig gerecht wird. Reduktionen oder Kürzungen scheinen angebracht, ja sogar notwendig. Jedoch will nicht einleuchten, warum diese „große, edle Gestalt“27 der Königin Belakane derart verunglimpft wird und man auf diese Weise eben noch ein paar religiöse und rassistische Ressentiments ins Kinder- oder ins Klassenzimmer transportiert, wo Lechner-Bücher übrigens heute noch zur Unterrichtsgestaltung herangezogen werden.

Lechners Belakane stirbt übrigens kurz nach der Geburt Feirefiz‘ an einem Fieber (vgl. S. 27) und nicht den Liebestod.

Primärtexte

Wolfram von Eschenbach. Parzival. Text und Übersetzung. Studienausgabe. Übersetzung von Peter Knecht mit Einführungen von Bernd Schirok. De Gruyter: Berlin, 2003.

Auguste Lechner. Parzival. Auf der Suche nach der Gralsburg. 11. Aufl. Würzburg: Arena, 1994 (1353).

Sekundärliteratur.

Bumke, Joachim. Wolfram von Eschenbach. 8. Auflage, Metzler: Stuttgart, 2004 (36).

Ebenbauer, Alfred. Es gibt ain mörynne vil dick susse mynne. Belakane und ihre Landsleute in der deutschen Literatur des Mittelalters. In: ZdfA 113 (1984). S. 16-42.

Holzner, Johann. Auguste Lechner (1905-2000). Zum 100. Geburtstag. In: Lexikon Literatur in Tirol. http://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=20090202:21:0::NO::P21_ID:65 Letzter Zugriff am 14.02.2012.

Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Ein Handbuch. Hg. von Günter Lange [u.a.]. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2001.

Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon; Autoren, Illustratoren, Verlage, Begriffe. Hg. Kurt Franz [u. a.]. Meitingen: Korian-Verlag, 1995.

Kunitzsch, Paul. Erneut: Der Orient in Wolframs ‚Parzival‘. In: ZdfA 113 (1984). S. 79-110.

Riccabona, Christine / Unterkircher, Anton. Auguste Lechner. In: Lexikon Literatur in Tirol. http://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=tll:2:0::NO::P2_ID:410 Letzter Zugriff am 14.02.2012.

1Riccabona, Christine / Unterkircher, Anton. Auguste Lechner. In: Lexikon Literatur in Tirol. http://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=tll:2:0::NO::P2_ID:410 Letzter Zugriff am 14.02.2012.

2Vgl. Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon; Autoren, Illustratoren, Verlage, Begriffe. Hg. Kurt Franz [u. a.]. Meitingen: Korian-Verlag, 1995. S. 326. Veröffentlicht von der Arb.-Gemeinschaft Jung-Österreich [u.a.] 1936 (Die Jungadlerhefte 6)

3Vgl. Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon, 1995. S. 326.

4Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon, 1995. S. 327.

5Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Ein Handbuch. Hg. von Günter Lange [u.a.]. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2001. S. 286.

6Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart, 2001. S. 286.

7Riccabona / Unterkircher. http://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=20090202:21:0::NO::P21_ID:65 Letzter Zugriff am 14.02.2012.

8Ebenbauer, Alfred. Es gibt ain mörynne vil dick susse mynne. Belakane und ihre Landsleute in der deutschen Literatur des Mittelalters. In: ZdfA 113 (1984). S. 16-42. S. 19.

9Vgl. Ebenbauer, 1984. S. 18.

10Zitiert nach Wolfram von Eschenbach. Parzival. Text und Übersetzung. Studienausgabe. Übersetzung von Peter Knecht mit Einführungen von Bernd Schirok. De Gruyter: Berlin, 2003.

11Vgl. Ebenbauer, 1984. S. 18.

12Ebenbauer, 1984. S. 20.

13Ebenbauer, 1984. S. 26.

14Ebenbauer, 1984. S. 30.

15Ebenbauer, 1984. S. 18.

16 Vgl. Bumke, Joachim. Wolfram von Eschenbach. 8. Auflage, Metzler: Stuttgart, 2004 (36). S. 160.

17Ebenbauer, 1984. S. 17.

18Ebenbauer, 1984. S. 30.

19Ibid.

20Ibid.

21Vgl. Ebenbauer, 1984. S. 21.

22Zitiert nach Auguste Lechner. Parzival. Auf der Suche nach der Gralsburg. 11. Aufl. Würzburg: Arena, 1994 (1353).

23Kunitzsch, Paul. Erneut: Der Orient in Wolframs ‚Parzival‘. In: ZdfA 113 (1984). S. 79-110. S. 91.

24Vgl. Kunitzsch, 1984. S. 81.

25Vgl. Ebenbauer, 1984. S. 21.

26Riccabona / Unterkircher. http://orawww.uibk.ac.at/apex/uprod/f?p=20090202:21:0::NO::P21_ID:65 Letzter Zugriff am 14.02.2012.

27Ebenbauer, 1984. S. 19.

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