Archiv der Kategorie: Mythologie

daz ist ain türsenmær und ist niht wâr – Riesen als Fiktionalitätsmarker im ‚Buch der Natur‘

Für mittelalterliche Leser, so Daston und Park, konnte Wahrheit auf verschiedenen Ebenen existieren („different program of truth“).[1] Das wiederholte Instrumentalisieren von Riesen und Monstra z.B. in religiösen und enzyklopädischen Diskursordnungen als Beweis für die Allmacht Gottes wie etwa bei Augustinus[2] hatte weniger Anhänger außerhalb der enzyklopädischen Tradition.[3] Die meisten Enzyklopädisten stellten die Wahrheit der Quellenwerke nicht in Frage. „Most medieval encyclopaedists and cosmographers saw themselves in the first instance as philologists, engaged in collecting and transmitting existing testimony, without constantly evaluating its truth or plausibility.“[4] Hingegen kann das Erzählen von Riesen aber auch in der enzyklopädischen Tradition dezidiert auch als Fiktionalitätsmarker gebraucht werden. Im ‚Buch der Natur‘ Konrads von Megenberg findet sich eine interessante argumentative Verwendung der Riesen in Bezug auf Fiktionalität und Wahrheit. In den Abschnitten jeweils über den Delphin und über die Entstehung von Erdbeben heißt es:

Nu sprechent manig zuo mir, daz diu wunder lugen sein, und hoerent doch von türsen und recken die groesten lugen, die ich ie gehört. und davon, daz si der wunder niht gesehen habent, so gelaubent si ir niht. waz wil ich der? ich schreib daz ich weiz und dem ich wil und dem der ez wil.[5]

Ez kümt oft, daz daz ertreich pidemt in etsleichen landen, alsô daz die pürg nider vallent und oft ain perg auf den andern. nu wizzent gemain läut niht, wâ von ez küm. dar umb tichtent alteu weip, die sich vil weishait an nement, ez sei ain grôzer visch, der haiz celebrant, dar auf stê daz ertreich, und hab seinen sterz in dem mund: wenn sich der weg oder umbkêr, sô pidem daz ertreich. daz ist ain türsenmær und ist niht wâr und geleicht wol der juden mær von dem ohsen Vehemot. dar umb schüll wir die wârhait sagen von dem ertpidem und von den wunderleichen dingen, diu dâ von koment.[6]

Helm bemerkt dazu: „Soweit abergläubische Vorstellungen vorliegen, ist […] K. ein Kind seiner Zeit: der Glaube an Vorzeichen, an Einfluß der Gestirne, an Drachen, an wunderbare Kräfte von Pflanzen und Steinen ist ihm selbstverständlich, dagegen eifert er gegen die, welche die Wunder ablehnen, aber an Sagen von Türsen und dergleichen glauben.“[7] Konrad scheint den Begriff türsenmær hier synonym mit Lügengeschichte zu verwenden (daz ist ain türsenmær und ist niht wâr; und hoerent doch von türsen und recken die groesten lugen, (s.o.)). Es ist lohnend, im Rahmen einer Diskursanalyse weiteres enzyklopädisches Material über Riesen zu sichten und beispielsweise herauszufinden, ob und wie Riesen auch in anderen Quellen erörtert werden oder gar als Fiktionalitätsmarker fungieren. Hierzu untersuche ich im im Rahmen meiner Dissertation vorerst verschiedene enzyklopädische Texte wie das z.B. das ‚Liber monstrorum‘ (8. Jahrhundert), die ‚Etymologien‘ Isidors von Sevilla oder das spätmittelalterliche ‚Liber de Nymphis, Sylphis, Pygmaeis et Salamandris et de Caeteris Spiritibus‘ (1566) des Theophrastus von Hohenheim genannt Paracelsus.

Das genannte Beispiel aus dem ‚Buch der Natur‘ würde z. B. Evgen Tarantul widersprechen, der neben anderen postuliert, dass Riesen in der mittelalterlichen Vorstellungswelt als reale Wesen empfunden wurden.[8]

Für die Weltwahrnehmung der mittelalterlichen Rezipienten gab es womöglich keine Grenze zwischen den Figuren, die für uns historisch sind einerseits, und für uns phantastischen Gestalten andererseits, denn beide waren für ihn real. Wenn man niemals einen Riesen, einen Elf oder einen Zwerg gesehen hat, war das noch kein Grund, an ihrer Existenz zu zweifeln. (Tarantul, 2001. S. 239.)

Auch Hans Fromm schreibt: „Im Mittelalter war die Existenz von Riesen nicht fraglich.“[9] Je nachdem, in welcher Wissensordnung man sich bewegt, müsste man diese Statements revidieren und anfechten.

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[1] Vgl. Daston, Lorraine und Park, Katharine: Wonders and the Order of Nature, New York: Zone Books, 1998. S. 62. Vgl. auch: Veyne, Paul: Did the Greeks believe their myths? An essay on the constitutive Imagination. Chicago: Chicago University Press, 1988. S. 63.

[2] Vgl. Daston / Park, 1998. S. 39.

[3] Vgl. Daston / Park, 1998. S. 175.

[4] Daston / Park, 1998. S. 60.

[5] Konrad von Megenberg. Das Buch der Natur. Hg. von Franz Pfeiffer. Hildesheim / New York: Olms, 1971. S. 286.

[6] Ebd., S. 107.

[7] Helm, Karl: Konrad von Megenberg. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 5. Berlin [u.a.]: de Gruyter, [1933] 1987. Sp. 186-191. Sp. 190.

[8] Tarantul, Evgen: Elfen, Zwerge und Riesen. Untersuchung zur Vorstellungswelt germanischer Völker im Mittelalter. Frankfurt am Main: Lang, 2001 (Europäische Hochschulschriften 1). S. 239.

[9] Fromm, Hans: Riesen und Recken. Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 60 (1986). S. 42–59. S. 43.


Wielandsage im Runenkästchen von Auzon

Das Runenkästchen von Auzon, wie es nach seinem Fundort in Frankreich heißt, stammt aus dem späten 7. oder frühen 8. Jahrhundert. Es besteht aus geschnitzten Walfischknochenplatten, in die bildliche Darstellungen und Runen gefügt sind. Ein Ausschnitt davon soll hier näher betrachtet werden.

Joachim Heinzle führt es in seinem Aufsatz „Was ist Heldensage?“ als „ältestes Zeugnis für die Existenz der Wieland-Sage“ an, dessen bildliche Darstellung  sich auf dem Kästchen findet. Hier kurz die Handlung der Wieland-Sage der ‚Thidrekssaga‘, um dann die Darstellung auf der linken vorderen Seite des Kästchen zu erläutern.

„König Nidudr bemächtigt sich des kunstreichen Schmiedes Volundr (Wieland) und lässt ihm auf Rat seiner Frau die Kniesehnen durchschneiden. Er muß für den König kostbares Schmiedewerk herstellen. Als sich die Gelegenheit bietet, nimmt er furchtbare Rache. Er schlägt den beiden Königssöhnen die Köpfe ab und fertigt aus den Hirnschalen Trinkgefäße für den König, aus den Augen Edelsteine und aus den Zähnen Brustschmuck für die Königstochter. Später gelingt es ihm, diese mit Bier betrunken zu machen und zu schwängern.“  (Heinzle, S. 1)

Nach der Volundarkvida fliegt er danach in die Luft auf und davon, die Thidrekssaga beschreibt den näheren Zusammenhang. Wielands Bruder Egil, ein guter Schütze, erlegt auf dessen Bitte hin im Wald Vögel, aus deren Federn Wieland sich ein Federhemd anfertigt, mit dessen Hilfe er fliegen kann und er entkommt dem König so trotz seiner Lähmung.

Auf dem Kästchen sind Schlüsselszenen aus der Wielandssage zu sehen: Der Schmied, links stehend, die Beine eingeknickt, bietet über den Amboss hinweg einer Frau (die Königstochter Badhild oder auch Bödvild) einen Becher dar. Seine Zange umfasst einen Schädel. Am Boden liegt ein Körper ohne Kopf (Nidudrs erschlagener Sohn). Hinter der Frau steht eine zweite (vielleicht die Mutter?). Rechts von der zweiten Frau ist eine Vogelfangszene abgebildet. In der Runenbeischift steht auf dem Deckel steht bei einem Schützen „Ægili“ – Egil (vgl. Heinzle, S. 2-3). Wielands Sohn ist übrigens Witege, einer der Gefährten Dietrichs oder auch Thidreks von Bern.

Hier noch ein archäologischer Blickwinkel von „In Focus“ auf Franks casket, das wohl zeitweise als Nähkästchen verwendet wurde, bevor es den Weg ins British Museum fand.

Literatur:

Heinzle, Joachim. Was ist Heldensage? In: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft Bd. 14, 2003/2004. S. 1-23.

Das Wölundlied. In: Die Heldenlieder der älteren Edda. Hg. von Arnulf Krause. Stuttgart: Reclam, 2001.

Die Geschichte Thidreks von Bern. Übersetzt von Fine Erichsen. Jena: Eugen Diederichs Verlag, 1922 (Thule 22).

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Nibelungenmuseum Worms

Nibelungenmuseum Worms

Letzte Woche fuhr ich so nah am Worms vorbei, dass sich ein Abstecher lohnte. Dunkel meinte ich mich zu erinnern, dass es dort ein Nibelungenmuseum gebe. Da sowohl meine Kollegin als auch ich einen Teil unserer Prüfung zu den Nibelungen abgelegt haben, war ich neugierig, wie ein Museum über das ‚Nibelungenlied‚ die Umsetzung schaffen würde. Diese ist Auber + Hoge unter der Mitwirkung von Herrn Heinzle und Herrn Lecouteux wohl gelungen.

Zu Anfang der Hörtour durch die Konstruktion aus Stahl und Glas, die sich in die alte stauferzeitliche Stadtmauer fügt, war ich etwas irritiert: So führt einen doch der Autor des ‚Nibelungenliedes‘ höchstpersönlich durch den ersten Turm, den man untermalt von Aussschnitten aus Fritz Langs Filmen erklimmt, durch die Geschichte.

Bildinstallation „Rütelin“ von Ursula Kraft im Hörturm

Doch wird schnell ein Bewusstsein für die Anonymität der Heldenepik und vor allem für die problematische Rezeption des ‚Nibelungenlieds‘ erzeugt. Auch wenn der Hörtext doch notwendigerweise an einigen kontrovers diskutierten Stellen die Forschung nicht in ihrer Breite aufgrund des allgemeinverständlichen Einstiegs darstellen kann, gibt er zumindest gängige Meinungen als solche zu erkennen. Ein paar Mal brachte er mich auch zum Schmunzeln, zum Beispiel, wenn der „Dichter“ von seinem „alten Freund Snorri“ spricht, den er angeblich im Jenseits getroffen habe.

Nach einem chronologischen Spaziergang durch den Wehrgang betritt man den Hörturm, wo einzelne Aventiuren und Aspekte vermittelt werden. Verpixelte Repliken der Handschriften A, B und C begrüßen einen im Foyer – da wären doch sicherlich ein paar Cent für einen vernünftigen Druck im Budget gewesen. Der Hörer kann sich hier auf einem „Thron“ niederlassen und belehrt werden.

Step into my office...

muget ir nu wunder hoeren sagen

Nachdem man ganz oben angekommen ist und einen historischen Ausblick hatte, geht man den Turm wieder hinab, auf den letzten Stationen wird sehr kurz der Sagenkreis um Dietrich von Bern erwähnt; die Hörtour findet ihr Ende in einem Exkurs über die ‚Edda‘. Es gab laut Mitarbeiterin vorher eine „Schatzkammer“, in  der ein virtueller Schatz ausgestellt wurde, die jedoch zu einem „Mythenlabor“ umfunktioniert wurde.

In der Umsetzung ist viel Mühe sichtbar, und wie ich dem Museumsführer („Das Buch des anonymen Dichters“) entnehme, entbrannte vor dem Bau eine große Diskussion, ob man so ein Museum in der Stadt haben wollte. Eine wichtige und reichhaltige Schnittstelle zwischen Allgemeinwissen und Literatur, die auch jüngeren Besuchern einen wertungsfreien Einblick in das Epos erlaubt – wieso sollte man so ein Projekt nicht in der Stadt haben wollen?

http://www.worms.de/extern/nibelungenmuseum/index.php

http://www.nibelungenlied-gesellschaft.de/03_beitrag/eichfelder/fs07_eichf.html

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en

Hier ein älterer Post auf Englisch. Es geht um Feengeschichten und um mysteriöse Fresken auf Burg Runkelstein…

headbugz

I have been researching Konrad’s of Würzburg ‚Partonopier and Meliur‘. This chivalric romance,put to writing around the second half of the 12th century, tells the story of a mortal, Partonopier, falling in love with a faerie, Meliur.

Faeries in the Middle Ages

This motif is called „Mahrtenehe“ in German; a marriage with a supernatural being. In the middle ages, genealogical stories that claim the descent of a house from a fay often offered justification for legitimate reign. It sets the lineage apart from common mortals. In a nutshell; they want to feel different. For example,  Artus (King Arthur) is said to have a fay, Terre de la schoie, as an ancestor in Wolfram’s of Eschenbach ‚Parzival‘. Another example is Thüring’s of Ringoltingen ‚Melusine‘, who is said to have founded the house of the French Lusignans.

The Frescoes of Runkelstein Castle

I read several claims now that claim…

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