Tagung: Gender Studies – Queer Studies – Intersektionalitätsforschung. Eine Zwischenbilanz aus mediävistischer Perspektive

Eine interessante Tagung  mit vielen vielversprechenden Beitragenden findet am 17. – 19.11.2016 an der FU Berlin statt.

Die Tagungskonzeption umfasst verschiedene Themenfelder, welche wesentlich durch das Forschungsprogramm des SFB 980 inspiriert sind: Ein Schwerpunkt betrifft das Verhältnis von „Identität und Wissen“ und soll dem Umstand Rechnung tragen, dass die Fragestellungen von Gender-, Queer- und Intersektionalitätsforschung im gemeinsamen Interesse an Identität und deren (De-) Konstruktion zusammen laufen. Damit stehen sie in engem Zusammenhang mit Wissen, denn Identität ergibt sich gerade in der Vormoderne nicht zuletzt aus dem, was gewusst oder nicht gewusst wird. Der Austausch von Wissen und anderen identitätskonstitutiven Kategorien verläuft dabei bidirektional, sodass sich Fragen aus zwei Perspektiven ergeben: 1) Wie strukturieren Geschlecht, Stand oder Religion bestimmte Wissensbestände und/oder -ordnungen? Aber auch: 2) Wie trägt ein bestimmtes Wissen bzw. dessen Weitergabe zur Konturierung von Geschlecht, Stand oder Religion bei? Weil in literarischen Darstellungen Identitätsbildungen häufig als eine mehr oder weniger gestörte Weitergabe kulturkonstitutiven (Handlungs-) Wissens erscheinen, gilt ein besonderes Interesse dem Wissenstransfer. Ferner lässt sich untersuchen, inwiefern hybride Identitäten (Monstren) als Reflexe und Knotenpunkte unterschiedlicher Wissensbewegungen aufzufassen sind, aus denen sie hervorgehen, die sie in neuartiger Weise konfrontieren und damit zugleich re-konzeptualisieren.

Ein weiterer Schwerpunkt zu „Grenzen des Menschlichen“ rückt darüber hinaus Identität grundsätzlich dort in den Fokus, wo diese Grenzen nicht scharf gezogen sind, wie bei anthropomorphen Monstren, Dämonen, Engeln, sprechenden Tieren oder Automaten. So ergibt sich hinsichtlich des Tagungsthemas die Frage, welche Rolle die von der Gender-, Queer- und Intersektionalitätsforschung traktierten Kategorien für die Inszenierung des nicht mehr Menschlichen spielen und inwieweit sich das Fremde und/oder Wunderbare als Auseinandersetzung mit kultureller Alterität und den damit verbundenen Wissensströmen darstellt, inwiefern solche Begegnungen aber auch Wissen aktualisieren und refigurieren. Gehören Begegnungen mit Monstren einerseits seit der Antike zu naturkundlichem Welt-Wissen, das in literarischen Texten reflektiert wird (Odyssee), werden diese in der mittelalterlichen Literatur andererseits zu äußerst phantasievoll gestalteten Figurationen der Auseinandersetzung mit dem Fremden, Anderen und Abjekten weiter entwickelt, deren Sinn mitunter kaum noch intelligibel erscheint. Interessant ist deshalb in literarischen Texten nicht nur die Begegnung mit ‚dem’ Anderen per se, sondern zugleich das daran entwickelte Narrativ und die dabei entworfenen Formen von Inklusion oder Verwerfung. Berührungspunkte ergeben sich hier mit der modernen Cyborg-Forschung und mit den im Augenblick hochproduktiven Animal Studies.

Leider habe ich schon andere Termine, ich freue mich aber auf den Tagungsband und Berichte und wünsche allen Teilnehmenden viel Spaß und produktive Diskussionen.

 


Rahmenvertrag – Realitätsbezug?

Heute sehe ich mich gezwungen, an dieser Stelle einen Rant abzusetzen.

Deswegen.

Die Kurzfassung:

Universitäten deutschlandweit bereiten ihre Studierenden und Dozierenden darauf vor, dass ab ersten Januar keine Texte mehr auf Online-Lernplattformen hochgeladen werden dürfen.

Wenn ich kurz die Situation in einem typischen Seminar schildern darf: Wir benutzen an der Universität Hamburg die Lehrplattform agora. Dort lässt sich für die Seminarteilnehmer passwortgeschützt Material bereitstellen.

Ich gehe jeweils zur Vorbereitung in die Staatsbibliothek, wo die schönen großen Scanner mit der hohen Auflösung stehen, und bereite für die Seminarteilnehmer jeden Aufsatz und jeden Auszug vor, den wir im Laufe des Semesters gemeinsam lesen wollen. Das kostet Zeit — etwa zwei Tage — und geht auf meine eigene Kappe als Dozent (wissenschaftliche Mitarbeiter haben keine Hilfskräfte).

Ich mache mir trotzdem die Mühe. Denn meine Erfahrungen in der Lehre zeigen deutlich: Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass zur entsprechenden Sitzung jeder die relevanten Texte gelesen hat, wenn das Material geschlossen vorliegt. Ob man das als PDF oder ausgedruckt liest, kann man sich aussuchen.

Jetzt stelle man sich vor, die hochgeschätzte Digitalisierung wäre in der Lehre nicht möglich. Es wäre mir verboten, Texte einzuscannen und online zur Verfügung zu stellen, wenn meine Hochschule den mittelalterlichen (ja, das meine ich jetzt ausnahmsweise abwertend) Bedingungen der VG Wort nicht zustimmt.

Was tun?

„Die Studierenden können sich die Bücher ja selber kaufen.“

Nein, können sie nicht. Die mediävistischen Fachpublikationen und Editionen, die ich in meinen Seminaren lesen lasse, kosten in der Regel etwa 100-150 Euro pro Band. Dafür müssen die Autoren dem Verlag je nach Einschlagskraft auch noch tausende von Euros zahlen.

„Die Studierenden können sich die Bücher ja ausleihen.“

Das jahrelang hart erarbeitete Buch kommt dann jeweils einmal als Präsenzexemplar in alle wichtigen Bibliotheken. Darauf haben die Studierenden dann Zugriff. Auf ein Exemplar. Ohne Dauerausleihe.

„Die Studierenden können sich die Bücher ja selber einscannen.“

Oh ja, eine hervorragende Idee. Die ohnehin schon genügend gestressten Bachelorstudierenden dürfen meine unbezahlten zwei Tage Vorbereitung selber in der Bibliothek am Scanner verbringen. Wenn sie das Glück haben, auf das einzelne Exemplar zugreifen zu dürfen. Ich kann mir schon lebhaft die Sitzungen vorstellen.

„So, wer hat den Text gelesen?“

„Ja, ich hatte keine Zeit, den zu scannen.“

„Das Buch war nicht in der Bibliothek.“ (Weil 30 andere Leute das natürlich brauchen.)

„Ich hab’s vergessen.“ (Zugegebenermaßen kommt das auch ohne zusätzliche Komplikationen vor.)

You get my point.

Ich finde es ich wichtig, über faire Bezahlung von Inhalten zu diskutieren. Ebenso gehöre ich jedoch im Herzen der Open Access und Creative Commons-Bewegung an.

Das System im Allgemeinen bedarf einer Überarbeitung. Ich kann das aus mediävistisch-germanistischer Perspektive bestätigen – ein Fach, wo Traditionen teilweise noch in Majuskeln geschrieben werden.

Wenn ich daran denke, dass ich für die Publikation meiner Dissertation bei einem renommierten Verlag am besten gestern hätte anfangen müssen zu sparen, wird mir übel. Gerne würde ich mein jahrelang hart erarbeitetes Buch natürlich einfach so über Open Access publizieren, doch das hat eventuell weitreichende Konsequenzen.

Im Moment ist die Situation leider dementsprechend, dass in den Berufungskommissionen immer noch Sätze fallen wie „Ach, das ist ja nur eine Onlinedissertation.“ (Implizit: Das kann ja nichts Vernünftiges sein.) Es wird Wert auf das Renommee der Verlage gelegt.

Also darf ich über 3.000 Euro dafür zahlen, dass mein Buch in einem Fachverlag erscheint, der es dann ca. 200mal druckt und für 150+ Euro verkauft. Und dann steht es als Präsenzexemplar in der Bibliothek, denn nur diese können sich die Anschaffung leisten. Ist es nicht absurd, dass ich viel Geld dafür zahlen soll, dass sich Wissensdurstige mein Buch nicht leisten können?

Und wenn dann mal jemand auf die verrückte Idee kommen sollte, mein Buch in einem Seminar auszugsweise lesen zu lassen, darf er oder sie das noch nicht mal den Studierenden zur Verfügung stellen.

Dieser Rahmenvertrag mit der VG Wort verhindert den freien Wissensaustausch an den Hochschulen und somit die Wissenschaft. Das Verlagswesen, so wie es sich in dieser Umbruchsphase gestaltet, muss sich grundlegend verändern, da es sonst in Konkurrenz gegen „umsonst, da, und bei Google gut verschlagwortet“ keine Chance hat.

Die Filmindustrie beispielsweise hat ähnliche Probleme und das zumindest teilweise erkannt und reagiert. Vielleicht brauchen wir eine Art Netflix für wissenschaftliche Publikationen.

Diese unqualifizierten Überlegungen kommen jetzt aber zu einem Ende. Ich habe keine Ahnung von Urheberrecht, ich weiß nur, dass es kompliziert wird. Als User, Leser und Dozent regen mich solch realitätsfernen Regelungsversuche einfach nur auf.

Vor allem, wenn sie dazu führen, dass meine Studierenden weniger lesen.

Nachtrag: Aufgrund dieses Artikels hat mich der Deutschlandfunk gebeten, an einer Diskussionsrunde zum Thema teilzunehmen. Die einstündige Diskussion „Digital war gestern – Neuer Vertrag für die Nutzung von Internetquellen an Hochschulen“ kann man hier nachhören.


Spätmittelalterliche Rüstungen in Aktion

Daniel Jaquet führt in diesem Video verschiedene Kampftechniken in einer erstaunlich beweglichen spätmittelalterlichen Rüstung aus dem 15. Jahrhundert vor.


Tagung Oratorik und Literatur

Royal 20 B.XX, f.29v

Die Tagung zum Thema „Oratorik und Literatur – Politische Rede in fiktionalen und historiographischen Texten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit“ findet vom 03. – 05. November 2016 an der Universität Hamburg statt.

Ziel der interdisziplinären Tagung ist es, literarische Traditionen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, etwa den höfischen Roman, die Tierepik, den Prosaroman, das Drama oder das Lied als eigene Reflexionsmedien vormoderner politischer Redekultur zu profilieren. Zugleich soll nach den Interferenzbereichen gefragt werden, in denen sich literarisch-fiktionale Textsorten und solche mit historiographischem Anspruch überschneiden.

Die Organisatoren Malena Ratzke, Christian Schmidt und Britta Wittchow freuen sich über zahlreiche Interessierte im Warburghaus.

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Programm


Mittelaltergermanistik Nord

Der Verbund Mittelaltergermanistik Nord bringt Vertreterinnen und Vertreter der germanistischen Mediävistik aus allen norddeutschen Bundesländern zusammen, sowohl in der Forschung als auch der Lehre. Das beinhaltet die Planung und Durchführung gemeinsamer Lehrveranstaltungen und Exkursionen, Doktorandenkolloquien zur Vernetzung des Nachwuchses und die gemeinsame Arbeit an für die Mittelaltergermanistik im norddeutschen Raum als relevant empfundenen Themen, sowohl im Rahmen der Verbundtreffen als auch darüber hinaus.

Beim ersten Treffen am 27.5.2016 wurden Schwerpunkte wie Vernetzung, Regionalität, Mittelalter und Schule und die Nachwuchsförderung besprochen. Das Protokoll ist hier einzusehen: Protokoll

Interessierte sind herzlich eingeladen und können sich an Prof. Dr. Martin Baisch wenden.

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Verzauberte Riesen

Dies sollte ursprünglich ein Teilkapitel in meiner Dissertation ‚Riesen in der Literatur des Mittelalters‘ werden. Da ich aber keine Beweislage ergründen konnte, die mich zufriedenstellt, wird es nun ein kleiner spekulativer Blogeintrag über zwei großartige Texte: ‚Daniel vom blühenden Tal‘ (erste Hälfte des 13. Jahrhunderts) und ‚Sir Gawain and the Green Knight‘ (um 1400).

Hier ist ein schöner formatiertes PDF: van Beek_Verzauberte Riesen

In der Regel ist die Riesenstatur der Figuren ein Faktum a priori. Es scheint sich jedoch die Möglichkeit abzuzeichnen, dass die Riesengröße nicht immer eine Eigenschaft sein muss, die von Geburt an mit der Verfasstheit der Figuren verbunden ist, sondern dass der Körper (eines Menschen) auch bis ins Riesenhafte vergrößert werden kann. Mir sind aus der mittelalterlichen Literatur zwei Fälle bekannt, in denen mithilfe magischer Kräfte die Größe und auch andere Eigenschaften von Körpern verändert werden können.

‚Daniel vom blühenden Tal‘:

Zwei vergrößerte Menschen

Im ‚Daniel vom blühenden Tal‘ des Strickers berichtet der Riese, der an den Hof König Maturs stilvoll auf einem Kamel einreitet, von seiner Herkunft aus dem Land Kluse und enthüllt im Zuge seiner Herausforderung auch, wie er zu seiner Größe gekommen ist.

Der meister der daz tier gôz

der hât mich gemachet sus grôz

und einen bruoder den ich hân.

darumbe hât erz getân,

wie sint beidiu siniu kint.

wand die triuwe grôz sint

die er uns beiden schuldic ist,

darumber hât uns sîn list

gemachet beidiu alsô hart

daz unser ietweder nie wunt wart. (‚Daniel‘ 761-770)1

Sein Vater (der meister) hat ihm und seinen Bruder sowohl ihre Größe als auch Unverwundbarkeit verliehen. Der in der Forschung Riesenvater Genannte ist aber selbst ist aber von kleinerer Statur als seine Söhne: swie alt er wider mir sî / und wie kleine dâ bî, (‚Daniel‘ 778f.) Er ist also selbst kein Riese, wie in der Forschung schon verstanden worden ist,2 sondern es wird im Text betont, dass er weder zu klein noch zu groß sei: er was ze wênic noch ze grôz (‚Daniel‘ 6910). Die Figur wird als zauberkundig dargestellt, dem alten wunderlîch man (‚Daniel‘ 6933), der grauweiße Locken (‚Daniel‘ 6913) und einen stap (‚Daniel‘ 6915) trägt, wird mehrfach liste attestiert (bspw. ‚Daniel‘ 768, 783, 6990). Seine übernatürliche Geschwindigkeit und seine übernatürlichen Fähigkeiten bzw. Zauberkunst werden u.a. während der Entführung König Artus‘ geschildert: sîn vater liefe sêre / und kunde ouch liste mêre / denne in der werlte dehein man (‚Daniel‘ 6989-6991) Da erzählt wird, dass er seine Söhne vergrößert hat und aber selbst von normaler Statur ist, liegt die Vermutung nahe, dass die Söhne vorher kleiner waren, er also Wesen (Menschen?) normaler Größe magisch zu Riesen transformiert hat – aus triuwe (‚Daniel‘ 767).

Tina Boyer sucht in ihrer aktuellen Publikation3 ebenfalls die Frage zu beantworten, ob es sich beim Riesenvater und einen Riesen handelt. Die ihm zugeschriebenen Attribute deuten für sie eher auf Zwergencharakteristik hin;4 dies führt sie nicht weiter aus, aber weitergedacht könnte man dem mit liste und dem Entführungsmotiv teilweise zustimmen (auch wenn Zwerge traditionell eher Frauen entführen). „However, while his son is of great and intimidating stature, the father is neither too tall nor too small. As in Orendel and also in the Eckenlied we have giants of different sizes. A giant’s size is only emphasized when it servers symbolical value in a narrative.“5 Die Riesen im ‚Orendel‘ haben zunehmende Größe, um die zunehmende Bedrohung der belagerten Stadt Jerusalem zu betonen, so Boyer. Im ‚Daniel‘ geschehe das Gegenteil: Der Riesenvater sei eine größere Bedrohung wegen seiner list, auch wenn er kleiner ist als seine Söhne.6 Boyer definiert ihn implizit trotzdem als Riesen, wobei sich mir die Logik an dieser Stelle nicht erschließt. Sie kommentiert auch die Verzauberung seiner Söhne: „He used all his skill to give them impenetrable skin to keep them from harm.“7 Aber sie berücksichtigt nicht die oben zitierte Passage (‚Daniel‘ 761-770), dass der meister sie nicht nur unverwundbar, sondern auch groß gemacht hat.

Man kann zustimmen, dass die ambivalenten Attribute ihn weder als Riese noch als Zwerg kategorisieren lassen. Ich möchte mich jedoch dagegen aussprechen, ihn implizit als Riesen zu definieren. Weder der Vater noch die Söhne werden als ursprünglich groß beschrieben. Da der Vater zwei normal große Söhne gezeugt hat, ist es logisch, dass er selbst (untransformiert) genau so groß wie ein Mensch ist. Es gibt zwar unterschiedlich große Riesen, aber die sind immer noch relational größer als ein Mensch. Die zwei Riesen sind magisch transformierte Menschen, der Vater ist eine zauberkundige, aber menschliche Figur.

‚Sir Gawain and the Green Knight‘:

Ein vergrößerter, grüner Mensch

Das zweite Beispiel findet sich nicht in der mittelhochdeutschen Literatur, sondern im unikal überlieferten mittelenglischen Artusroman ‚Sir Gawain and the Green Knight‘ (um 1400).8 Dort ist eine ähnliche Transformation zu beobachten, wenn auch in ganz anderen Zusammenhängen. Der Herausforderer Gawains, der Grüne Ritter, der während des Weihnachtsfestmahls an den Artushof kommt, wird als ein monströses Wesen beschrieben.9

When there pressed in from the porch an appalling figure,

Who in height outstripped all earthly men.

From throat to thigh he was thickset and square;

His loins and limbs were so long and great

That he was half a giant on earth, I believe,

Yet mainly and most of all a man he seemed,

And the handsomest of horsemen, though huge, at that;

For though at back and at breast his body was broad,

His hips and haunches were elegant and small,

And perfectly proportioned were all parts of the man,

As seen.

Amazed at the hue of him,

A foe with furious mien,

Men gaped, for the giant grim

Was coloured a gorgeous green. (‚Sir Gawain and the Green Knight‘)10

Þer hales in at þe halle dor an aghlich mayster,

On þe most on þe molde on mesure hyghe;

Fro þe swyre to þe swange so sware and so þik,

And his lyndes and his lymes so longe and so grete,

Half etayn in erde I hope þat he were,

Bot mon most I algate mynn hym to bene,

And þat þe myriest in his muckel þat myȝt ride;

For of bak and of brest al were his bodi sturne,

Both his wombe and his wast were worthily smale,

And alle his fetures folȝande, in forme þat he hade,

ful clene;

For wonder of his hwe men hade,

Set in his semblaunt sene;

He ferde as freke were fade,

And oueral enker-grene. (‚SGGK‘, Vv. 136-150.)11

Dieses Wesen und vor allem seine grüne Färbung hat der Literaturwissenschaft viele Rätsel aufgegeben; auf diese Kontroversen soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Bemerkenswert ist seine Größe; er wird als Half etayn (‚SGGK‘ V. 140),12 von altenglisch eoten beschrieben, reitet jedoch noch auf einem Pferd. Er überragt alle anderen um mehr als einen Kopf: Þe stif mon hym bifore stod vpon hyȝt / Herre þen ani in þe hous by þe and more. (‚SGGK‘ 1967, Vv. 332f.) The stout man before him there stood his full height, / higher than any in that house by a head and yet more (‚SGGK‘ 1990, S. 26). Am Ende der Erzählung stellt sich jedoch heraus, dass es sich bei diesem Wesen gar nicht um einen Riesen, sondern um einen Menschen handelt: den Burgherren Bertilak de Hautdesert. Er enthüllt seine Identität und erklärt, wie er zu der übergroßen Statur gelangte:

Bertilak of the High Desert I am called here in this land.

I was entirely transformed and made terrible of hue

Through the might of Morgan the Fay, who remains in my house.

Through the wiles of her witchcraft, a lore well learned,

Many of the magical arts of Merlin has she aquired. (‚SGGK‘ 1968, 121f.)

 

‚Bertilak de Hautdesert I hat in þis londe.

Þurȝ myȝt of Morgne la Faye, þat in my hous lenges,

And koyntyse of clergye, bi craftes wel lerned,

Þe maystrés of Merlyn mony hatz taken–

For ho hatz dalt drwry ful dere sumtyme

With þat conable klerk, þat knowes alle your knyȝtez

at hame; (‚SGGK‘ 1967, Vv. 2444-2451)

Die zauberkundige Morgane hat ihn mit magischen Kräften verwandelt, um den Artushof auf die Probe zu stellen: She made me go in this guise to your goodly court / to put its pride to the proof […] she put this magic upon me13 (‚SGGK‘ 1990, S. 90). Sie ist in der Lage, ihr eigenes und das Aussehen anderer zu transformieren, ähnlich wie es der Riesenvater mit liste auch im ‚Daniel‘ bewerkstelligt. Bertilaks Verzauberung wird aufgehoben, die der Riesen im ‚Daniel‘ ist hingegen permanent und bleibt auch mit ihrem Tod bestehen.

Für diese noch spärlich besetzte Kategorie wird der Begriff verzauberte Riesen vorgeschlagen. In beiden Fällen werden Körper magisch ins Riesenhafte vergrößert und weitere Veränderungen des Äußeren vorgenommen, entweder z. B. die grüne Färbung oder die Unverwundbarkeit. Für einen derartigen Vorgang bleibt der ‚Daniel‘ die einzige Belegstelle in der mittelhochdeutschen Literatur. Für die mittelenglische Literatur benutzt Cohen den Begriff enchanted giants:

Mainly a late, English addition to romance, enchanted giants are men who through some work of magic have been transformed in size and nature out of their humanity and into the gross flesh of gigantism. What few of these stories exist in English are interrelated and center around the redemptive power of Gawain’s courtesy and are therefore analogues of Sir Gawain and the Green Knight.14

Das Motiv scheint also auch in der mittelenglischen Literatur relativ singulär zu sein und sich derivativ zu ‚SGGK‘ zu verhalten. Eine Verbindung der angelsächsischen und kontinentalen Erzählungen ist natürlich schwer belegbar. Gemutmaßt wurde in der Forschung auch schon, dass die Entführung Artus‘ auf dem Berg durch den Riesenvater im ‚Daniel‘ von den entsprechenden Episode in Geoffreys ‚Historia Regum Britanniae‘ inspiriert sein könnte. Helmut Birkhan sieht die Möglichkeit, dass der Stricker mit lateinischen oder altfranzösischen Versionen der ‚Historia Regum Britanniae‘ (1136) in Kontakt gekommen sein könnte.15 Die Riesenkämpfe Arthurs mit dem Riesen von Mont Saint Michel und dem Riesen Ritho bieten Parallelen,16 wie das Motiv der Entführung auf den Berg (hier allerdings Artus als Entführter, nicht als Retter der Entführten). Ob diese Episoden etwas miteinander zu tun haben, kann nicht festgemacht werden.

So muss auch eine Verbindung der beiden Vorkommnisse der verzauberten Riesen in ‚Daniel‘ und ‚SGGK‘ vorerst Spekulation bleiben. Es soll an dieser Stelle keine explizite Verbindung der beiden räumlich, sprachlich und auch zeitlich voneinander getrennten Texte unterstellt werden. Jedoch kann das eher ungewöhnliche gemeinsame Motiv der magischen Riesen herausgestellt werden, welches zum Nachdenken anregt.

Hamburg, den 7.7.2016

 

Primärliteratur:

‚Daniel von dem blühenden Tal‘. Hg. u. übers. von Michael Resler. Cambridge: Brewer, 2003 (Arthurian Archives IX).

Sir Gawain and the Green Knight. Hg. von John Ronald Reuel Tolkien. 2. Auflage, überarb. von Norman Davis. Oxford: Clarendon Press 1967.

Sir Gawain and the Green Knight. Übers. von John Ronald Reuel Tolkien, hg. von Christopher Tolkien. London: HarperCollins, 1990.

Sir Gawain and the Green Knight. Übersetzt von Brian Stone. Harmondsworth [u.a.]: Penguin Books 1968.

Sekundärliteratur:

Birkhan, Helmut: Motiv und Handlungsgeschichten in Strickers Daniel. In: German Narrative Literature of the Twelfth and Thirteenth Centuries: Studies presented to Roy Wisbey on His Sixty-Fifth Birthday. Hg. von Volker Honemann. Tübingen: Niemeyer, 1995. 363-390.

Boyer, Tina Marie: The Giant Hero in Medieval Literature. Leiden/Boston: Brill, 2016 (Explorations in Medieval Culture 2).

Cohen, Jeffrey Jerome: Of giants: Sex, Monsters, and the Middle Ages. Minneapolis: Univ. of Minnesota Press, 1999.

Rosenhagen, Gustav: Untersuchungen über Daniel vom Blühenden Tal vom Stricker. Kiel: C. Schaidt, 1890.

Williams, David: Deformed Discourse. The Function of the Monster in Mediaeval Thought and Literature. Exeter: Univ. of Exeter Press, 1996.

Fußnoten:

1 Zitiert nach: ‚Daniel von dem blühenden Tal‘. Hg. u. übers. von Michael Resler. Cambridge: Brewer, 2003 (Arthurian Archives IX). Im Folgenden ‚Daniel‘.

2 Vgl. Rosenhagen, Gustav: Untersuchungen über Daniel vom Blühenden Tal vom Stricker. Kiel: C. Schaidt, 1890. S. 72.

3 Tina Marie: The Giant Hero in Medieval Literature. Leiden/Boston: Brill, 2016 (Explorations in Medieval Culture 2).

4 Vgl. Boyer: The Giant Hero in Medieval Literature, 2016. S. 111.

5 Boyer: The Giant Hero in Medieval Literature, 2016. S. 112.

6Vgl. Boyer: The Giant Hero in Medieval Literature, 2016. S. 112.

7 Boyer: The Giant Hero in Medieval Literature, 2016. S. 113.

8 Vgl. Sir Gawain and the Green Knight. Hg. von John Ronald Reuel Tolkien. 2. Auflage, überab. von Norman Davis. Oxford: Clarendon Press 1967. Introduction, xi.

9 Vgl. u.a. Williams, David: Deformed Discourse. The Function of the Monster in Mediaeval Thought and Literature, Exeter: Univ. of Exeter Press, 1996. S. 269.

10 Sir Gawain and the Green Knight. Übersetzt von Brian Stone. Harmondsworth [u.a.]: Penguin Books 1968. S. 28f. Im Folgenden zitiert als ‚SGGK‘ 1968.

11 Sir Gawain and the Green Knight. Hg. von John Ronald Reuel Tolkien. 2. Auflage, überarb. von Norman Davis. Oxford: Clarendon Press 1967. Im Folgenden zitiert als ‚SGGK‘ 1967.

12 Tolkien wählt in seiner posthum veröffentlichten Übersetzung hier statt giant ‚troll‘ (that half a troll upon earth I trow that he was. Sir Gawain and the Green Knight. Übers. von John Ronald Reuel Tolkien, Hg. von Christopher Tolkien. London: HarperCollins, 1990. S. 21. Im Folgenden zitiert als ‚Sir Gawain 1990). In der Ausgabe von 1967 bietet er im Kommentar auch folgende Variante an: „Half a giant on earth I believe he was, but at any rate the biggest of men I declare him to be, and at the same time the shapeliest of stature that could ride.“ (Vv. 140-142; ‚SGGK‘ 1967.)

13 Im Original: With glopnyng of that þat ilke gome þat gostlych speked (‚Sir Gawain‘ 1967, V. 2461). Stone übersetzt: To rob you of your wits she has bewitched me this way (‚Sir Gawain‘, 1968. S. 122).

14 Cohen, Jeffrey Jerome: Of Giants. Sex, Monsters, and the Middle Ages. Minneapolis: Univ. of Minnesota Press, 1999. S. 159.

15 Vgl. Birkhan, Helmut: Motiv und Handlungsgeschichten in Strickers Daniel. In: German Narrative Literature of the Twelfth and Thirteenth Centuries: Studies presented to Roy Wisbey on His Sixty-Fifth Birthday. Hg. von Volker Honemann. Tübingen: Niemeyer, 1995. 363-390. S. 366.

16 Vgl. auch Boyer: The Giant Hero in Medieval Literature, 2016. S. 103.


Grammatischer Wechsel mit Youtube

Ich musste kürzlich eine Seminarsitzung absagen und habe entschlossen, den Vortragsteil zu schwachen Verben als Video aufnehmen, damit die vertretenden Tutoren nicht so viel Arbeit haben. Im Zuge dessen bin ich darauf aufmerksam gemacht geworden, dass es bei Youtube ein lustiges interaktives Video zum grammatischen Wechsel gibt. Es wurde im Rahmen des MOOC- Wettbewerbs von Falk Erdmann und Jonathan Österle erstellt und vermittelt unterhaltsam und interaktiv Details zum allseits beliebten grammatischen Phänomen (hust).


Mittelhochdeutsch bei Twitter

Bei Twitter gibt es mittlerweile einige Accounts, die sich den toten Sprachen verschrieben haben. Unter anderem tweetet aka Hana Videen über den Account Old English Wordhord jeden Tag ein altenglisches Wort.

Und ich dachte: „Warum gibt es das noch nicht für Mittelhochdeutsch?“ Inspiriert von gibt es nun jeden Tag ein mittelhochdeutsches Wort bei @MhdWort. 

 


1. Mediävistisches Promovendentreffen Hamburg/Kiel

Am Freitag und Samstag, 29./30.01., findet das erste Mediävistische  Promovendentreffen Hamburg/Kiel statt, bei dem Kieler und Hamburger  NachwuchswissenschaftlerInnen Einblick in laufende Forschungsprojekte  aus dem Bereich der Mediävistik und Frühneuzeitforschung geben. Das Treffen ist die Auftaktveranstaltung für eine Kooperation der  Universitäten Kiel und Hamburg im Bereich der Mittelaltergermanistik.

Die Themen reichen von Fragen der Figurenkonzeption über  Retextualisierung  und Edition bis zum Theater und zur Tierepik des  16. Jahrhunderts. Ich werde am Freitag, den 29.1., um 17.30 über mein Projekt  ‚Riesen in der Literatur des Mittelalters‘ sprechen. Wer Lust hat, das Semester mit einigen  Vorträgen ausklingen zu lassen, ist herzlich eingeladen!

Programm


Tagung: Brüchige Helden – Brüchiges Erzählen.

Brüchige Helden – Brüchiges Erzählen. Mittelhochdeutsche Heldenepik aus narratologischer Sicht
Tagung vom 17.-19. Februar 2016, TU Dresden in Kooperation mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und dem Militärhistorischen Museum Dresden

Die Tagung widmet sich Fragen nach der doppelten Brüchigkeit mittelhochdeutscher Heldenepen, bei denen auf spezifische und nicht immer leicht zu erklärende Weise die Ebene der Handlung und die Ebene ihrer narrativen Organisation zu korrelieren scheinen. Die Unvorhersehbarkeit des heroischen Handelns spiegelt sich gewissermaßen in der Sprunghaftigkeit dichterischer Formensprache. Dieses Verhältnis soll mittels neuerer erzähltheoretischer Modelle in den Blick genommen werden. Gerade weil die Texte einen an modernen Idealen geschulten literaturwissenschaftlichen Blick nachhaltig irritieren, bieten sie zugleich das Potenzial, die Möglichkeiten narratologischer Modelle auszutesten.

Das ausführliche Tagungsprogramm finden Sie unter http://tu-dresden.de/slk/germanistik/altgerm/projekte/fachtagung_bruechige_helden.

Die Tagung ist öffentlich, die Teilnahme kostenfrei. Um Anmeldung per E-Mail unter heldenepik-tagung@mailbox.tu-dresden.de wird bis zum 1. Februar 2016 gebeten.

Ort: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Hermann-Glöckner-Raum im Albertinum, Tzschirnerplatz 2, 01067 Dresden


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