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Rahmenvertrag – Realitätsbezug?

Heute sehe ich mich gezwungen, an dieser Stelle einen Rant abzusetzen.

Deswegen.

Die Kurzfassung:

Universitäten deutschlandweit bereiten ihre Studierenden und Dozierenden darauf vor, dass ab ersten Januar keine Texte mehr auf Online-Lernplattformen hochgeladen werden dürfen.

Wenn ich kurz die Situation in einem typischen Seminar schildern darf: Wir benutzen an der Universität Hamburg die Lehrplattform agora. Dort lässt sich für die Seminarteilnehmer passwortgeschützt Material bereitstellen.

Ich gehe jeweils zur Vorbereitung in die Staatsbibliothek, wo die schönen großen Scanner mit der hohen Auflösung stehen, und bereite für die Seminarteilnehmer jeden Aufsatz und jeden Auszug vor, den wir im Laufe des Semesters gemeinsam lesen wollen. Das kostet Zeit — etwa zwei Tage — und geht auf meine eigene Kappe als Dozent (wissenschaftliche Mitarbeiter haben keine Hilfskräfte).

Ich mache mir trotzdem die Mühe. Denn meine Erfahrungen in der Lehre zeigen deutlich: Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass zur entsprechenden Sitzung jeder die relevanten Texte gelesen hat, wenn das Material geschlossen vorliegt. Ob man das als PDF oder ausgedruckt liest, kann man sich aussuchen.

Jetzt stelle man sich vor, die hochgeschätzte Digitalisierung wäre in der Lehre nicht möglich. Es wäre mir verboten, Texte einzuscannen und online zur Verfügung zu stellen, wenn meine Hochschule den mittelalterlichen (ja, das meine ich jetzt ausnahmsweise abwertend) Bedingungen der VG Wort nicht zustimmt.

Was tun?

„Die Studierenden können sich die Bücher ja selber kaufen.“

Nein, können sie nicht. Die mediävistischen Fachpublikationen und Editionen, die ich in meinen Seminaren lesen lasse, kosten in der Regel etwa 100-150 Euro pro Band. Dafür müssen die Autoren dem Verlag je nach Einschlagskraft auch noch tausende von Euros zahlen.

„Die Studierenden können sich die Bücher ja ausleihen.“

Das jahrelang hart erarbeitete Buch kommt dann jeweils einmal als Präsenzexemplar in alle wichtigen Bibliotheken. Darauf haben die Studierenden dann Zugriff. Auf ein Exemplar. Ohne Dauerausleihe.

„Die Studierenden können sich die Bücher ja selber einscannen.“

Oh ja, eine hervorragende Idee. Die ohnehin schon genügend gestressten Bachelorstudierenden dürfen meine unbezahlten zwei Tage Vorbereitung selber in der Bibliothek am Scanner verbringen. Wenn sie das Glück haben, auf das einzelne Exemplar zugreifen zu dürfen. Ich kann mir schon lebhaft die Sitzungen vorstellen.

„So, wer hat den Text gelesen?“

„Ja, ich hatte keine Zeit, den zu scannen.“

„Das Buch war nicht in der Bibliothek.“ (Weil 30 andere Leute das natürlich brauchen.)

„Ich hab’s vergessen.“ (Zugegebenermaßen kommt das auch ohne zusätzliche Komplikationen vor.)

You get my point.

Ich finde es ich wichtig, über faire Bezahlung von Inhalten zu diskutieren. Ebenso gehöre ich jedoch im Herzen der Open Access und Creative Commons-Bewegung an.

Das System im Allgemeinen bedarf einer Überarbeitung. Ich kann das aus mediävistisch-germanistischer Perspektive bestätigen – ein Fach, wo Traditionen teilweise noch in Majuskeln geschrieben werden.

Wenn ich daran denke, dass ich für die Publikation meiner Dissertation bei einem renommierten Verlag am besten gestern hätte anfangen müssen zu sparen, wird mir übel. Gerne würde ich mein jahrelang hart erarbeitetes Buch natürlich einfach so über Open Access publizieren, doch das hat eventuell weitreichende Konsequenzen.

Im Moment ist die Situation leider dementsprechend, dass in den Berufungskommissionen immer noch Sätze fallen wie „Ach, das ist ja nur eine Onlinedissertation.“ (Implizit: Das kann ja nichts Vernünftiges sein.) Es wird Wert auf das Renommee der Verlage gelegt.

Also darf ich über 3.000 Euro dafür zahlen, dass mein Buch in einem Fachverlag erscheint, der es dann ca. 200mal druckt und für 150+ Euro verkauft. Und dann steht es als Präsenzexemplar in der Bibliothek, denn nur diese können sich die Anschaffung leisten. Ist es nicht absurd, dass ich viel Geld dafür zahlen soll, dass sich Wissensdurstige mein Buch nicht leisten können?

Und wenn dann mal jemand auf die verrückte Idee kommen sollte, mein Buch in einem Seminar auszugsweise lesen zu lassen, darf er oder sie das noch nicht mal den Studierenden zur Verfügung stellen.

Dieser Rahmenvertrag mit der VG Wort verhindert den freien Wissensaustausch an den Hochschulen und somit die Wissenschaft. Das Verlagswesen, so wie es sich in dieser Umbruchsphase gestaltet, muss sich grundlegend verändern, da es sonst in Konkurrenz gegen „umsonst, da, und bei Google gut verschlagwortet“ keine Chance hat.

Die Filmindustrie beispielsweise hat ähnliche Probleme und das zumindest teilweise erkannt und reagiert. Vielleicht brauchen wir eine Art Netflix für wissenschaftliche Publikationen.

Diese unqualifizierten Überlegungen kommen jetzt aber zu einem Ende. Ich habe keine Ahnung von Urheberrecht, ich weiß nur, dass es kompliziert wird. Als User, Leser und Dozent regen mich solch realitätsfernen Regelungsversuche einfach nur auf.

Vor allem, wenn sie dazu führen, dass meine Studierenden weniger lesen.

Nachtrag: Aufgrund dieses Artikels hat mich der Deutschlandfunk gebeten, an einer Diskussionsrunde zum Thema teilzunehmen. Die einstündige Diskussion „Digital war gestern – Neuer Vertrag für die Nutzung von Internetquellen an Hochschulen“ kann man hier nachhören.


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