Archiv der Kategorie: Riesen

Der verwechselte Christophorus

Da will man nur eben die Einleitung zu einem Kapitel schreiben und schonmal ein paar Quellen zurechtlegen … und auf einmal verbringt man den ganzen Morgen damit, einen weitreichenden Fehler nachzuvollziehen. Da ich jetzt gute zwei Stunden damit zugebracht habe, die Angaben zu prüfen, dokumentiere ich dies nun hier, in der Hoffnung, dass die Arbeit dem nächsten Forschenden erspart bleiben möge.

Es gibt drei mittelhochdeutsche Christophoruslegenden, die konsequenterweise A, B, und C heißen. A und B wurden Ende des 19. Jahrhunderts von Anton Schönbach in der ZfdA ediert. Sehr unglücklich für die Untersuchung ist eine häufige Verwechslung der mittelhochdeutschen Christophoruslegenden A und B, die auf einem Fehler Rosenfelds im Verfasserlexikon beruht.[1] Über einen Eintrag im Handschriftencensus bin ich auf diesen Fehler aufmerksam geworden.

„Der Handschriftencensus bezeichnet die beiden Christophoruslegenden-Fassungen A und B nach Schönbach (und nicht nach Rosenfeld, der u.a. im 2VL die Benennungen der beiden Fassungen verwechselt hat).“[2]

Der Artikel Rosenfelds vertauscht allerdings nicht die Bezeichnungen, wie der Handschriftencensus es festhält, sondern die lediglich die Literaturangaben von A und B. Die Inhaltsangaben stimmen. Hammer betont: „Darauf sei eigens hingewiesen, zumal der Herausgeber Schönbach die Bezeichnungen A und B gerade umgekehrt verwendet.“[3] Es empfiehlt sich also, sich an der Bezeichnung der Legenden zu orientieren, die Rosenfeld in seiner Monographie verwendet, und die auch Hammer und Dörrich verwenden.[4] In der Monographie Rosenfelds sind die Bezeichnungen jedoch korrekt.[5]

B ist in einer aus dem 15. Jahrhundert stammenden Prager Handschrift überliefert. Der Text wird aufgrund der Erwähnung von Palermo als Sitz des Kaisers auf den Beinng des 13. Jh. datiert.[6] Die ältere Fassung B ist also warscheinlich noch in der ersten Hälfte des 13. Jhs. enstanden, also noch vor der Legenda Aurea. Die jüngere Fassung A ist in zwei Handschriften überliefert und wahrscheinlich erst im 15. Jh. enstanden.[7]

 

 

[1] Hans-Friedrich Rosenfeld: ‚Christophorus‘. In: VL 1, Sp. 1230-1234.

[2] http://www.handschriftencensus.de/6556

[3] Hammer, Andreas: Erzählen vom Heiligen. Narrative Inszenierungsformen von Heiligkeit im Passional, Berlin 2015. S. 393.

[4] Schönbach, Anton: ‚Christophorus B‘. In: ZfdA 26 (1883), S. 20-84. Prag, UB, cod. XVI G 19, 2002 Verse. Schönbach, Anton: ‚Christophorus A‘. In: ZfdA 17 (1874), S. 85-141. St. Florian, Stiftsbibl., Cod. XI 276; Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2953, 1630 Verse (nicht 1650 wie im VL fälschlich steht). Vgl. Dörrich, Corinna: Konfigurationen des Weges in der Christophorus-Legende, in: In: Zeitschrift für deutsche Philologie 132 (2013). S. 353-382.

[5] Rosenfeld, Hans-Friedrich: Der Hl. Christophorus. Seine Verehrung und seine Legende. Eine Untersuchung zur Kultgeographie und Legendenbildung des Mittelalters, Leipzig 1937.

[6] Rosenfeld, Der Hl. Christophorus S. 478f.; ders., Christophorus‘ Sp. 1232. Dörrich, S. 357.

[7] Vgl. Hammer: Erzählen vom Heiligen, S. 393. „Die Datierungsvorschläge für den bairisch-österreichisch gefärbten Text reichen vom 12. bis in das 15. Jahrhundert;“ (Dörrich, S. 356), vgl. Rosenfeld, Der Hl. Christophorus S. 481f.; ders., ‚Christophorus‘, Sp. 1233f.

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Workshop ‚Die Lesbarkeit von Helden‘

Im August wird in Tübingen ein Workshop stattfinden, der nach der Existenz einer Heldensemiotik fragt.

Heldenfiguren sind wandelnde Zeichenkomplexe – diese These steht im Zentrum des interdisziplinären Workshops. Von Prozessen des Erkennens über visuelle und/oder akustische Daten über Insignien, die die memoria von Heldentaten aufrechterhalten, bis hin zum manipulativen Umgang mit kommunikativen Codes sind Zeichen wesentliche Bestandteile von Heldenfiguren und ihrer Lebenswelt.
Das Verhältnis von Held und Zeichen ist jedoch nicht immer klar zu bestimmen, insbesondere weil es auch unverständliche oder irritierende Zeichen geben kann. Solche Zeichen erschweren dem Rezipi-enten die ‚Lesbarkeit‘ von Helden. Hier setzt der Workshop an. Er widmet sich einer breiten Varianz ambiger Zeichenkon-stellationen, die als oftmals irritierender Bestandteil der Figurenkonzeption ernst genommen oder aber mithilfe einer konsequent historischen Lesart als Brüche identifiziert werden, die erst durch einen modernen Blick auf die Texte entstehen. Die fächer- und medienübergreifende Un-tersuchung dieser Irritationsmomente, die aus mehrdeutigen sowie ‚uneindeutigen‘ Zeichen(-komplexen) resultieren, bildet den Kern des Workshops.

Ich freue mich schon sehr darauf, mein Kapitel zur Semantik von Helden und Riesen vorzustellen. Vorläufig heißt der Vortrag „Riesen und Helden. Erklärungsmodelle für eine unfeste Dichotomie“. Es wird sich zeigen, ob der Titel bestehen bleibt oder sich durch hoffentlich anregende Diskussion noch verändern wird.

Das  Programm Lesbarkeit von Helden kann man hier einsehen. Interessierte sind herzlich eingeladen und können sie bis zum 30.6. bei Florian Nieser anmelden.


Riesentagung in Potsdam

Ronny F. Schulz  und Silke Winst organisieren im März die interdisziplinäre Tagung zu Riesen in der mittelalterlichen Literatur. Endlich findet eine Tagung zu meinem Dissertationsthema statt!

Von Riesen und Riesinnen wird in mittelalterlicher Literatur häufig erzählt. In verschiedenen literarischen Gattungen erscheinen diverse Riesen: Sie agieren als Antagonisten des Helden, können jedoch ebenso als seine Verbündeten oder gar als ‚Spiegelung‘ des Protagonisten erscheinen. Erzählt wird von beweglichen Grenzen zwischen dem ‚Menschlichen‘ und dem ‚Außermenschlichen‘, die über grundlegende Vorstellungen von Identität Aufschluss geben. Die Tagung soll sich diesen wichtigen Figuren mittelalterlicher Literatur mit neuesten kulturwissenschaftlichen und narratologischen Ansätzen nähern. Zudem sollen Riesinnen und Riesen in einem interdisziplinären Zusammenhang verortet werden: Nicht nur die deutschsprachige Literatur steht im Zentrum der Betrachtung, sondern auch skandinavische, französische, englische und keltische Texte werden in den Blick genommen.

Die Beiträge der Tagung behandeln Fragen nach Differenz und Fremdheit, Gender und Körper sowie Religion, Herrschaft und Gewalt, aber auch nach Raumvorstellungen und Genealogie, die mit den Riesinnen und Riesen verbunden sind. Zudem werden die spezifische Literarizität dieser Entwürfe und die narratolo­gischen Implikationen der Riesenfiguren in mittelalterlicher Literatur untersucht.

Ich freue mich schon sehr auf die Vorträge und vor allem die Gespräche. Ich scheine nicht allein zu sein: Riesen sind in der Forschung zur Zeit wohl wieder  en vogue. Der dazugehörige Tagungsband soll im Herbst erscheinen.

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2. Mediävistisches Forschungskolloquium Kiel/Hamburg

Am Freitag, 20.1.2017 findet das 2. Mediävistische Forschungskolloquium Kiel/Hamburg statt, statt diesmal in Kiel. Interessierte sind herzlich eingeladen!

Ort: CAU Kiel, Germanistisches Seminar, Leibnizstr. 8, Raum 401

Programm:

09.00-09.30   Ankunft und Begrüßung

09.30-11.00   Hannah Rieger: „Der Fuchs als metapoetische Figur. Zur Brunnenepisode im Reynke de Vos (1498)“ (Diss)

Lena van Beek: „Riesen im Alten Testament – Zur Rezeption der Nimrod-Figur im Mittelalter“ (Diss)

11.00-11.30   Kaffeepause

11.30-13.00   Renke Kruse: „Lehren aus dem Mückenkrieg – Die Prosaglossen Balthasar Schnurrs von Lendsiedel (1612)“ (Diss)

Agnes Heutmann: „Die Bedeutungsverschiebungen von triuwe in der höfischen Literatur(MA)

13.00-14.00   Mittagspause

14.00-15.30   Margit Dahm: Projektvorstellung

Anabel Recker: „Poetologische meisterliche Lieder. Konzept für eine textzentrierte Hybrid-Edition“ (Diss)

15.30-16.00   Kaffeepause

16.00-18.30   Svenja Fahr: „Formen unzuverlässigen Erzählens in deutschsprachigen Erzähltexten des Mittelalters“ (Diss)

Britta Wittchow: „Klingendes Gedenken: Loblieder als Informationsträger im Apollonius von Tyrland“ (Diss)

Jöran Balks: „Intersektionale Zuordnungsprobleme in Artusromanen um 1200“ (Diss)

19.00 Abendessen


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