Mitarbeit beim Mittelalterblog

Seit langem beäugt man sich schon, jetzt hat mich der Mittelalterblog ins Kollektiv assimiliert. Ab Februar 2017 betreue ich zusammen mit Hanne Grießmann beim Open Access-Projekt „Mittelalter – Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte“ das Ressort Germanistik (mittelhochdeutsch). Wer gerne etwas beitragen möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Sehr beliebt ist für laufende oder abgeschlossene Forschungsprojekte z.B. die Kategorie 1000 Worte Forschung, mit denen man ein Thema markieren und zur Diskussion stellen kann.

Das heißt natürlich nicht, dass es auf diesem Blog keine Beiträge mehr im üblichen Schneckentempo geben wird. Im Moment bin ich sehr mit meiner Dissertation beschäftigt. Die 1000 Worte Forschung über mein Projekt gibt es dann demnächst beim Mittelalterblog.


Knights of Science

Rede zur Absolventenfeier der Fachbereiche Sprache, Literatur, Medien I & II an der Universität Hamburg am 03.02.2017 um 16.30 Uhr im ESA 1 (A)

von Lena van Beek und Britta Wittchow

Ein Anlass wie diese Absolventenfeier lädt ein zur Suche nach vergleichbaren Zeremonien. Im Mittelalter gibt es viele Zeremonien, u.a. die sogenannte Schwertleite. Bei diesem festlichen Akt wurde ein junger Adliger zum Ritter erklärt. „Die ritterliche Schwertleite der höfischen Zeit stand in einem historischen Zusammenhang der Wehrhaftmachung,“ [1]  die wahrscheinlich auf germanische Riten zurückgeht.[2]

Durch die Zeremonie wird bekundet, dass ein Mann erwachsen und zu selbstständigem Handeln befähigt ist. Er hat zuvor eine Ausbildung genossen, die sicherstellt, dass der Umgang mit Waffen erprobt und der mit dem Rittertum verbundene Verhaltenskodex verinnerlicht ist. Wo diese Ausbildung fehlt, so zeigen Texte wie der ,Parzival‘ oder ,Wigamur‘, richten begabte junge Männer oft Schaden an. Sie kommen nicht rechtmäßig zu Schwert und Rüstung und hinterlassen ob ihrer ungezügelten und unkanalisierten Stärke eine Schneise der Verwüstung.

Im Mittelpunkt der Schwertleite stand immer die feierliche Umgürtung des Schwerts. Die große Heidelberger Liederhandschrift aus dem frühen 14. Jahrhundert zeigt die feierliche Überreichung eines Schwertgürtels.

Der in der Neuzeit bekanntere „Ritterschlag, bei dem der Knappe mit dem flachen Schwert einen Schlag auf die Schulter oder den Rücken erhält“, [3] ist um 1200 auf deutschem Gebiet allerdings noch nicht bekannt gewesen, und erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts belegt.[4]

Das ‚Nibelungenlied‘, das vielleicht berühmteste deutsche Heldenepos, schildert den Übergang Siegfrieds von Jungen zum Ritter und vollwertigem Mitglied der höfischen Gesellschaft.

Swâ man vant deheinen,     der riter solde sîn

von art der sînen mâge,     diu edel kindelîn

diu ladet‘ man zuo dem Lande     durch die hôhgezît.

mit dem junge künege     swert genâmen si sît.[5]

Man lud jeden jungen Edelmann, den man ausfindig machte und der nach Stand seiner Familie Ritter werden sollte, ins Land zum Feste ein, damit er mit dem jungen König gemeinsam das Schwert empfange.

Siegfried soll, nachdem er in Worms eine höfische Erziehung genossen hat, zusammen mit 400 Knappen die Schwertleite feiern. Massenpromotionen waren also damals auch schon üblich. „Von diesem Fest könnte man Wunderbares berichten“, heißt es im Text:  Den jungen Herren werden vortreffliche Gewänder angelegt und sie werden mit Edelsteinen und bunten Bändern herausgeputzt.

vil der edeln steine     die frouwen leiten in daz golt,

Die si mit porten wolden     wurken ûf ir wât

den jungen stolzen recken:     des newas niht rât.[6]

Die Damen faßten viele Edelsteine in Gold, um sie mit Bändern den jungen, stolzen Männern auf der Kleidung zu befestigen: das musste nun einmal so sein.

Dô gie ze einem münster     vil manec rîcher kneht

und vil manec edel riter.     die wîsen heten reht,

daz sie den tumben dienten,     als in was ê getân.

si heten kurzewîle     und ouch vil maneger vreuden wân.[7]

Da ging eine große Zahl reicher Knappen und edler Ritter zum Münster. Es war richtig, dass an diesem Tag die Erfahrenen den Unerfahrenen dienten, wie es ihnen selbst einmal geschehen war. Sie unterhielten sich gut, und die Erwartung auf vielerlei Freuden stieg.

Auch wir, die wîsen bzw. die erfahreneren Ritter der Wissenschaft, dienen Ihnen heute bei dieser Abschlusszeremonie und versuchen Ihnen mit Einblicken in unser Fach ein wenig kurzewîle zu bereiten. Im Münster entsteht großes Gedränge, um die Umgürtung der Schwerter und somit den Symbolakt der Ritterwerdung mitanzusehen. Nachdem die Messe endlich vorbei ist, wird im Stil der höfischen Kultur gefeiert; zum Beispiel mit unterhaltsamen Vorträgen fahrender Lieddichter oder prächtigen Kampfspielen wie dem Buhurt, eine Art Paradeturnier, das vor den Damen ausgeführt wird.

Sie liefen, dâ sie funden     gesatelt manec marc.

in hove Sigemundes     der bûhurt was sô starc,

daz man erdiezen hôrte     palas unde sal.

die hôhgemuoten degene     die heten grœzlîchen scal.[8]

Sie liefen zu den vielen schon gesattelten Pferden.

In Siegmunds Hof wurde ein so starker Buhurt ausgefochten, dass man davon die gesamte Burg erdröhnen hörte.

Die begeisterten Ritter machten beträchtlichen Lärm.

Von wîsen und von tumben     man hôrte manege stôz,

daz der scefte brechen     gein den lüften dôz.

trunzûne sach man vliegen     für den palas dan

von maneges recken hende:     daz wart mit vlîze getân[9].

Die erfahrenen Kämpfer und die Neulinge hörte man zusammenstoßen, so dass das Zersplittern der Lanzenschäfte die Luft mit Getöse erfüllte.

Man sah von der Hand vieler Ritter die zerbrochenen Speere nach der Burg hinfliegen. Dies geschah voller Eifer.

So sieht das in den Handschriftenillustrationen beispielsweise aus.  Quelle ist hier erneut die Heidelberger Liederhandschrift.

Auserlesene Speisen und Getränke werden beim Festmahl danach gereicht.  [k]

vil der edelen spîse     sie von ir müede sciet

unt wîn der aller beste,     des an in viel getruoc.[10]

Auserlesene Speisen und der allerbeste Wein, wovon man ihnen reichlich auftrug, vertrieben die Müdigkeit.

In Analogie versprechen wir: Es gibt nachher noch Sekt!

Die Feierlichkeiten im ‚Nibelungenlied‘ können auch schon mal je nach Anlass sieben bis 30 Tage lang dauern. Wir beschränken uns lieber auf einen Abend.

Nun leben wir ja nicht mehr im Mittelalter, sondern betrachten es höchstens interessiert und in unserem Fall wissenschaftlich. Offizielle Initiationsrituale finden nur noch selten statt und haben auch dezidiert weniger martialischen Charakter.

Die Universität Hamburg gürtet Ihnen heute kein Schwert um, sondern überreicht Ihnen eine Urkunde, um Ihre intellektuelle Wehrhaftigkeit als Geisteswissenschaftlerinnen symbolisch zu markieren. Doch machen Sie sich bewusst, dass ihre Instrumente nicht weniger wirkmächtig sind und nicht weniger zu verantwortungsvollem Umgang verpflichten.„Die Feder ist mächtiger als das Schwert“, schrieb Edward Bulwer-Lytton im 19. Jahrhundert.

In Zeiten von Populismus und Propaganda sind wissenschaftliche und moralische Integrität dringend erforderlich, sodass wir Sie durch diese Zeremonie auszeichnen und Sie gleichzeitig zur Erhaltung der Institution des Wissens in die Pflicht nehmen. Ihr wissenschaftlicher Werdegang ist zumindest in Teilen abgeschlossen, aber Ihre Aufgabe als „Ritter“ der Wissenschaft nicht.

Sie können schreiben und wissenschaftlich arbeiten.

Sie können methodisch reflektieren und analysieren.

Sie sind zu selbstständigem Handeln befähigt.

Machen Sie was draus.

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[1] Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München: dtv, 2005. S. 318.

[2] Vgl. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München: dtv, 2005. S. 318.

[3] Siegfried Grosse: Kommentar. In: Das Nibelungenlied. Mhd. / Nhd. Übers. u. kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart: reclam 2010. S. 729.

[4] Vgl. Siegfried Grosse: Kommentar. In: Das Nibelungenlied. Mhd. / Nhd. Übers. u. kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart: reclam 2010. S. 729.

[5] Zitiert nach: Das Nibelungenlied. Mhd. / Nhd. Übers. u. kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart: reclam 2010. Str. 30. Im Folgenden ‚NL‘.

[6] ‚NL‘ Str. 30,4-31,2.

[7] ‚NL‘ Str. 32.

[8] ‚NL‘ Str. 34.

[9] ‚NL‘ Str. 35.

[10] ‚NL‘ Str. 37,2f.


Erster DoktorandInnentag der Graduiertenschule Geisteswissenschaften

Am 10. Februar 2017 findet die Veranstaltung „Meine Promotion. Orientierung, Finanzierung, Publikation. Erster DoktorandInnentag der Graduiertenschule Geisteswissenschaften“ statt.

Wie finanziere ich mein Forschungsvorhaben, Konferenz- und Recherchereisen? Wie wird aus meiner Doktorarbeit eine Publikation? Was bedeutet das Wissenschaftszeitvertragsgesetz für mein (zukünftiges) Arbeitsleben? Wie bin ich finanziell abgesichert, wenn ich ein Kind bekomme? Und wie schaffe ich es, die Dissertation fertigzustellen?

Diese elementaren Fragen kommen oft neben dem Schreiben der Arbeit zu kurz. Deshalb versammelt der Tag ExpertInnen, die ihr Wissen zu den genannten Themen in Vorträgen und Workshops vermitteln. In der Podiumsdiskussion kommen promovierte Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen zusammen, die nach der Dissertation verschiedene berufliche Wege gegangen sind: in der Wissenschaft, der Wirtschaft, im Wissenschaftsmanagement und Journalismus. Die DiskussionsteilnehmerInnen berichten über ihre persönlichen Erfahrungen vor, während und nach der Promotionszeit.

Der Tag ist von DoktorandInnen für DoktorandInnen geplant und dient der Informatsvermittlung ebenso wie dem gemeinsamen Austausch. Das detaillierte Programm gibt es hier: Programm_Doktorandinnentag

 


Old English Aerobics

Wenn man sich mit Altenglisch beschäftigt und keinen rigorosen Plan á la „Ich lerne jetzt alle Formen auswendig!“ verfolgt, ist die Seite Old English Aerobics ein Segen. Wie soll man z.B. darauf kommen, dass ēodon eine Form von gán ist? Mit dem praktischen Glossar lassen sich auch flektierte Formen suchen, die zum Lemma führen. Es gibt neben vielen nützlichen Materialien auch einen Workout Room, in dem man Übungen machen kann. Sehr empfehlenswert.

workout

 


2. Mediävistisches Forschungskolloquium Kiel/Hamburg

Am Freitag, 20.1.2017 findet das 2. Mediävistische Forschungskolloquium Kiel/Hamburg statt, statt diesmal in Kiel. Interessierte sind herzlich eingeladen!

Ort: CAU Kiel, Germanistisches Seminar, Leibnizstr. 8, Raum 401

Programm:

09.00-09.30   Ankunft und Begrüßung

09.30-11.00   Hannah Rieger: „Der Fuchs als metapoetische Figur. Zur Brunnenepisode im Reynke de Vos (1498)“ (Diss)

Lena van Beek: „Riesen im Alten Testament – Zur Rezeption der Nimrod-Figur im Mittelalter“ (Diss)

11.00-11.30   Kaffeepause

11.30-13.00   Renke Kruse: „Lehren aus dem Mückenkrieg – Die Prosaglossen Balthasar Schnurrs von Lendsiedel (1612)“ (Diss)

Agnes Heutmann: „Die Bedeutungsverschiebungen von triuwe in der höfischen Literatur(MA)

13.00-14.00   Mittagspause

14.00-15.30   Margit Dahm: Projektvorstellung

Anabel Recker: „Poetologische meisterliche Lieder. Konzept für eine textzentrierte Hybrid-Edition“ (Diss)

15.30-16.00   Kaffeepause

16.00-18.30   Svenja Fahr: „Formen unzuverlässigen Erzählens in deutschsprachigen Erzähltexten des Mittelalters“ (Diss)

Britta Wittchow: „Klingendes Gedenken: Loblieder als Informationsträger im Apollonius von Tyrland“ (Diss)

Jöran Balks: „Intersektionale Zuordnungsprobleme in Artusromanen um 1200“ (Diss)

19.00 Abendessen


Tagung: Gender Studies – Queer Studies – Intersektionalitätsforschung. Eine Zwischenbilanz aus mediävistischer Perspektive

Eine interessante Tagung  mit vielen vielversprechenden Beitragenden findet am 17. – 19.11.2016 an der FU Berlin statt.

Die Tagungskonzeption umfasst verschiedene Themenfelder, welche wesentlich durch das Forschungsprogramm des SFB 980 inspiriert sind: Ein Schwerpunkt betrifft das Verhältnis von „Identität und Wissen“ und soll dem Umstand Rechnung tragen, dass die Fragestellungen von Gender-, Queer- und Intersektionalitätsforschung im gemeinsamen Interesse an Identität und deren (De-) Konstruktion zusammen laufen. Damit stehen sie in engem Zusammenhang mit Wissen, denn Identität ergibt sich gerade in der Vormoderne nicht zuletzt aus dem, was gewusst oder nicht gewusst wird. Der Austausch von Wissen und anderen identitätskonstitutiven Kategorien verläuft dabei bidirektional, sodass sich Fragen aus zwei Perspektiven ergeben: 1) Wie strukturieren Geschlecht, Stand oder Religion bestimmte Wissensbestände und/oder -ordnungen? Aber auch: 2) Wie trägt ein bestimmtes Wissen bzw. dessen Weitergabe zur Konturierung von Geschlecht, Stand oder Religion bei? Weil in literarischen Darstellungen Identitätsbildungen häufig als eine mehr oder weniger gestörte Weitergabe kulturkonstitutiven (Handlungs-) Wissens erscheinen, gilt ein besonderes Interesse dem Wissenstransfer. Ferner lässt sich untersuchen, inwiefern hybride Identitäten (Monstren) als Reflexe und Knotenpunkte unterschiedlicher Wissensbewegungen aufzufassen sind, aus denen sie hervorgehen, die sie in neuartiger Weise konfrontieren und damit zugleich re-konzeptualisieren.

Ein weiterer Schwerpunkt zu „Grenzen des Menschlichen“ rückt darüber hinaus Identität grundsätzlich dort in den Fokus, wo diese Grenzen nicht scharf gezogen sind, wie bei anthropomorphen Monstren, Dämonen, Engeln, sprechenden Tieren oder Automaten. So ergibt sich hinsichtlich des Tagungsthemas die Frage, welche Rolle die von der Gender-, Queer- und Intersektionalitätsforschung traktierten Kategorien für die Inszenierung des nicht mehr Menschlichen spielen und inwieweit sich das Fremde und/oder Wunderbare als Auseinandersetzung mit kultureller Alterität und den damit verbundenen Wissensströmen darstellt, inwiefern solche Begegnungen aber auch Wissen aktualisieren und refigurieren. Gehören Begegnungen mit Monstren einerseits seit der Antike zu naturkundlichem Welt-Wissen, das in literarischen Texten reflektiert wird (Odyssee), werden diese in der mittelalterlichen Literatur andererseits zu äußerst phantasievoll gestalteten Figurationen der Auseinandersetzung mit dem Fremden, Anderen und Abjekten weiter entwickelt, deren Sinn mitunter kaum noch intelligibel erscheint. Interessant ist deshalb in literarischen Texten nicht nur die Begegnung mit ‚dem’ Anderen per se, sondern zugleich das daran entwickelte Narrativ und die dabei entworfenen Formen von Inklusion oder Verwerfung. Berührungspunkte ergeben sich hier mit der modernen Cyborg-Forschung und mit den im Augenblick hochproduktiven Animal Studies.

Leider habe ich schon andere Termine, ich freue mich aber auf den Tagungsband und Berichte und wünsche allen Teilnehmenden viel Spaß und produktive Diskussionen.

 


Rahmenvertrag – Realitätsbezug?

Heute sehe ich mich gezwungen, an dieser Stelle einen Rant abzusetzen.

Deswegen.

Die Kurzfassung:

Universitäten deutschlandweit bereiten ihre Studierenden und Dozierenden darauf vor, dass ab ersten Januar keine Texte mehr auf Online-Lernplattformen hochgeladen werden dürfen.

Wenn ich kurz die Situation in einem typischen Seminar schildern darf: Wir benutzen an der Universität Hamburg die Lehrplattform agora. Dort lässt sich für die Seminarteilnehmer passwortgeschützt Material bereitstellen.

Ich gehe jeweils zur Vorbereitung in die Staatsbibliothek, wo die schönen großen Scanner mit der hohen Auflösung stehen, und bereite für die Seminarteilnehmer jeden Aufsatz und jeden Auszug vor, den wir im Laufe des Semesters gemeinsam lesen wollen. Das kostet Zeit — etwa zwei Tage — und geht auf meine eigene Kappe als Dozent (wissenschaftliche Mitarbeiter haben keine Hilfskräfte).

Ich mache mir trotzdem die Mühe. Denn meine Erfahrungen in der Lehre zeigen deutlich: Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass zur entsprechenden Sitzung jeder die relevanten Texte gelesen hat, wenn das Material geschlossen vorliegt. Ob man das als PDF oder ausgedruckt liest, kann man sich aussuchen.

Jetzt stelle man sich vor, die hochgeschätzte Digitalisierung wäre in der Lehre nicht möglich. Es wäre mir verboten, Texte einzuscannen und online zur Verfügung zu stellen, wenn meine Hochschule den mittelalterlichen (ja, das meine ich jetzt ausnahmsweise abwertend) Bedingungen der VG Wort nicht zustimmt.

Was tun?

„Die Studierenden können sich die Bücher ja selber kaufen.“

Nein, können sie nicht. Die mediävistischen Fachpublikationen und Editionen, die ich in meinen Seminaren lesen lasse, kosten in der Regel etwa 100-150 Euro pro Band. Dafür müssen die Autoren dem Verlag je nach Einschlagskraft auch noch tausende von Euros zahlen.

„Die Studierenden können sich die Bücher ja ausleihen.“

Das jahrelang hart erarbeitete Buch kommt dann jeweils einmal als Präsenzexemplar in alle wichtigen Bibliotheken. Darauf haben die Studierenden dann Zugriff. Auf ein Exemplar. Ohne Dauerausleihe.

„Die Studierenden können sich die Bücher ja selber einscannen.“

Oh ja, eine hervorragende Idee. Die ohnehin schon genügend gestressten Bachelorstudierenden dürfen meine unbezahlten zwei Tage Vorbereitung selber in der Bibliothek am Scanner verbringen. Wenn sie das Glück haben, auf das einzelne Exemplar zugreifen zu dürfen. Ich kann mir schon lebhaft die Sitzungen vorstellen.

„So, wer hat den Text gelesen?“

„Ja, ich hatte keine Zeit, den zu scannen.“

„Das Buch war nicht in der Bibliothek.“ (Weil 30 andere Leute das natürlich brauchen.)

„Ich hab’s vergessen.“ (Zugegebenermaßen kommt das auch ohne zusätzliche Komplikationen vor.)

You get my point.

Ich finde es ich wichtig, über faire Bezahlung von Inhalten zu diskutieren. Ebenso gehöre ich jedoch im Herzen der Open Access und Creative Commons-Bewegung an.

Das System im Allgemeinen bedarf einer Überarbeitung. Ich kann das aus mediävistisch-germanistischer Perspektive bestätigen – ein Fach, wo Traditionen teilweise noch in Majuskeln geschrieben werden.

Wenn ich daran denke, dass ich für die Publikation meiner Dissertation bei einem renommierten Verlag am besten gestern hätte anfangen müssen zu sparen, wird mir übel. Gerne würde ich mein jahrelang hart erarbeitetes Buch natürlich einfach so über Open Access publizieren, doch das hat eventuell weitreichende Konsequenzen.

Im Moment ist die Situation leider dementsprechend, dass in den Berufungskommissionen immer noch Sätze fallen wie „Ach, das ist ja nur eine Onlinedissertation.“ (Implizit: Das kann ja nichts Vernünftiges sein.) Es wird Wert auf das Renommee der Verlage gelegt.

Also darf ich über 3.000 Euro dafür zahlen, dass mein Buch in einem Fachverlag erscheint, der es dann ca. 200mal druckt und für 150+ Euro verkauft. Und dann steht es als Präsenzexemplar in der Bibliothek, denn nur diese können sich die Anschaffung leisten. Ist es nicht absurd, dass ich viel Geld dafür zahlen soll, dass sich Wissensdurstige mein Buch nicht leisten können?

Und wenn dann mal jemand auf die verrückte Idee kommen sollte, mein Buch in einem Seminar auszugsweise lesen zu lassen, darf er oder sie das noch nicht mal den Studierenden zur Verfügung stellen.

Dieser Rahmenvertrag mit der VG Wort verhindert den freien Wissensaustausch an den Hochschulen und somit die Wissenschaft. Das Verlagswesen, so wie es sich in dieser Umbruchsphase gestaltet, muss sich grundlegend verändern, da es sonst in Konkurrenz gegen „umsonst, da, und bei Google gut verschlagwortet“ keine Chance hat.

Die Filmindustrie beispielsweise hat ähnliche Probleme und das zumindest teilweise erkannt und reagiert. Vielleicht brauchen wir eine Art Netflix für wissenschaftliche Publikationen.

Diese unqualifizierten Überlegungen kommen jetzt aber zu einem Ende. Ich habe keine Ahnung von Urheberrecht, ich weiß nur, dass es kompliziert wird. Als User, Leser und Dozent regen mich solch realitätsfernen Regelungsversuche einfach nur auf.

Vor allem, wenn sie dazu führen, dass meine Studierenden weniger lesen.

Nachtrag: Aufgrund dieses Artikels hat mich der Deutschlandfunk gebeten, an einer Diskussionsrunde zum Thema teilzunehmen. Die einstündige Diskussion „Digital war gestern – Neuer Vertrag für die Nutzung von Internetquellen an Hochschulen“ kann man hier nachhören.


Spätmittelalterliche Rüstungen in Aktion

Daniel Jaquet führt in diesem Video verschiedene Kampftechniken in einer erstaunlich beweglichen spätmittelalterlichen Rüstung aus dem 15. Jahrhundert vor.


Tagung Oratorik und Literatur

Royal 20 B.XX, f.29v

Die Tagung zum Thema „Oratorik und Literatur – Politische Rede in fiktionalen und historiographischen Texten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit“ findet vom 03. – 05. November 2016 an der Universität Hamburg statt.

Ziel der interdisziplinären Tagung ist es, literarische Traditionen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, etwa den höfischen Roman, die Tierepik, den Prosaroman, das Drama oder das Lied als eigene Reflexionsmedien vormoderner politischer Redekultur zu profilieren. Zugleich soll nach den Interferenzbereichen gefragt werden, in denen sich literarisch-fiktionale Textsorten und solche mit historiographischem Anspruch überschneiden.

Die Organisatoren Malena Ratzke, Christian Schmidt und Britta Wittchow freuen sich über zahlreiche Interessierte im Warburghaus.

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Programm


Mittelaltergermanistik Nord

Der Verbund Mittelaltergermanistik Nord bringt Vertreterinnen und Vertreter der germanistischen Mediävistik aus allen norddeutschen Bundesländern zusammen, sowohl in der Forschung als auch der Lehre. Das beinhaltet die Planung und Durchführung gemeinsamer Lehrveranstaltungen und Exkursionen, Doktorandenkolloquien zur Vernetzung des Nachwuchses und die gemeinsame Arbeit an für die Mittelaltergermanistik im norddeutschen Raum als relevant empfundenen Themen, sowohl im Rahmen der Verbundtreffen als auch darüber hinaus.

Beim ersten Treffen am 27.5.2016 wurden Schwerpunkte wie Vernetzung, Regionalität, Mittelalter und Schule und die Nachwuchsförderung besprochen. Das Protokoll ist hier einzusehen: Protokoll

Interessierte sind herzlich eingeladen und können sich an Prof. Dr. Martin Baisch wenden.

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